Leserbriefe : Schematismus ist für Besserwisser

„NC fürs Gymnasium“ vom 15. Mai

„Welch ein Szenario! Der Schulsenator eröffnet in seiner politischen Chuzpe, bar jeder kompetenten Ratschläge aus den Reihen seiner höheren Fachbeamten, ein „offenes“ Diskussionsforum zum Thema „NC für das Gymnasium?“ – und alle tanzen vor, um in diesem Vakuum als Zulieferer zu glänzen: Die Gymnasialdirektoren wittern angesichts einer egalitären Oberschullandschaft die Chance, „Leistungsspitzen“ zu fordern, um ihre Schulen von vermeintlichem Ballast freizuhalten, die vermutlichen Sekundarschulleiter kontern – klug! – mit dem Hinweis auf eine künftig wachsende Bandbreite von Begabungen in den Reihen ihrer Schülerschaft, der Landeselternsprecher hält intuitiv am Modell des Probehalbjahrs fest – und was folgt daraus? Wahrscheinlich die übliche Wurstelei: eine Lösung nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach nicht nass!

Wichtiger als die politische Entscheidung, die ins Haus steht, ist die Nahaufnahme als Symptom, die es zu besichtigen gilt: 1. Berliner Schulpolitik tickt weiter nach ideologischen Vorgaben, zähneknirschend versetzt mit moderaten Zugeständnissen an Minderheiten. 2. Die Sehnsucht nach schematischen Regelungen bleibt verführerisch – umso stärker, je höher die Position der Diskutanten. Das alles geht selbstverständlich zulasten der Schülerinnen und Schüler. Pädagogen müssten bei klarem Verstand darauf beharren, dass schematische Regelungen kinder- und schülerfeindlich sind. Jeder gestandene Lehrer weiß, dass Zensuren genauso viel offenbaren wie verdecken können.

Jede Schule sollte deshalb primär darauf setzen, ihre Bewerber nicht nur nach Zensuren der abgebenden Schule, sondern nach persönlichem Eindruck – in kinderzugewandten Gesprächen – kennenzulernen (die Kinder am besten im Beisein ihrer Eltern) und dann zu entscheiden. Wenn ich eine Regel empfehlen darf: je ambitionierter die Schule, die aufnimmt, desto sorgfältiger, d. h. desto personenorientierter sollte die Aufnahmeprozedur sein. Schematismus ist etwas für Betonköpfe und Besserwisser.

Martin Reimann,

Humboldt-Gymnasium,

Berlin-Tegel

(Pädagogischer Koordinator)

0 Kommentare

Neuester Kommentar