Leserbriefe : Unsere Kultur verzichtet begeistert auf alles, was einst Intimsphäre hieß

Zur Berichterstattung über Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg

Auch an staatlichen Schulen in Berlin gab es in den 60er/70er Jahren und möglicherweise noch viel länger Misshandlungen und sexuellen Mißbrauch. Als mir dies als Erwachsene das erste Mal wieder in Erinnerung kam, waren die Taten bereits verjährt. Das Leiden am erlittenen Unrecht verjährt jedoch nie. Insofern hoffe ich sehr, dass die jetzt veröffentlichten Vorfälle am Canisius-Kolleg eine Lawine auslösen werden, nicht nur in christlichen Bereichen.

Gabriele Hoffmann, Berlin-Zehlendorf

Dass die Medien den Missbrauch von Kindern öffentlich anprangern, ist wegen der gravierenden Folgen für die Betroffenen ein Verdienst. Dass die katholische Kirche, die der Welt eine strikte Sexualmoral predigt, schärfer unter die Lupe genommen wird als andere Institutionen, ist auch verständlich. Aber dass man jeden Tag über einen verjährten Fall gleich mehrere Artikel findet, dass halte ich für unseriöse Boulevard-Berichterstattung.

Als ehemaliger Schüler des Canisius- Kollegs kann ich Ihnen versichern, dass die Behauptung, prügelnde Lehrer seien der Normalfall gewesen, nicht meiner Erfahrung entspricht. Wie in allen Schulen gab es viele gute aber auch einige pädagogisch unfähige Lehrer, die einem Schüler mal eine „Kopfnuss“ gaben oder mit dem Lineal auf die Finger klopften. Es würde mich freuen, wenn Sie einmal die hervorragende Arbeit von Dutzenden von Jesuiten und Laienlehrern erwähnen könnten, die der überaus großen Mehrzahl der Schüler ein erstklassiges intellektuelles und spirituelles Rüstzeug mit auf den Lebensweg gegeben haben, das ich jedem jungen Menschen nur wünschen kann.

Wolfgang Schonecke, Berlin-Wedding

„Die Kirche, der Missbrauch und der Verdacht“ von Martin Lohmann vom 4.Februar

Seit Jahren wissen oder ahnen die Verantwortlichen was sich im Dunkel der Lehrer-Schüler-Beziehung abspielt und schweigen und üben Toleranz. Ähnliches gilt offenbar auch für viele Sportvereine. Auch dort entwickeln sich Beziehungen, die weder sportlich indiziert noch menschlich verantwortlich sind.

Seit Jahrtausenden weiß man, dass es Menschen gibt, die sich zu Kindern sexuell hingezogen fühlen. Allerdings gilt die Pädophilie im Unterschied zu anderen Formen aberranten sexuellen Verhaltens heute noch nicht als eine legitime Form der sexuellen Selbstverwirklichung. Das macht offenbar ihren publizistischen Charme aus, sie lässt sich noch immer und zum Wohlgefallen weiter Kreise in der Öffentlichkeit skandalisieren.

Ob damit allerdings den Betroffenen – sowohl Opfern als auch Tätern – geholfen wird, ist zweifelhaft. Im Gegenteil zu den ekligen Erinnerungen, den Schuldgefühlen kommt jetzt der Zwang zur Offenbarung. Aus der psychotherapeutischen Praxis weiß man, dass diese Wiederholung schlimmer sein kann als die Primärerfahrung. Was der gute Pater Mertes treibt ist also ganz und gar verantwortungslos. Um es deutlich zu sagen: seinen Augiasstall soll er selber ausmisten, das ist sein Amt. Der Öffentlichkeit vorzujammern, wie schlimm es bei den Katholiken zugeht, ist politisch impotent und sachlich falsch. Sein Agieren reduziert komplexe historische und psychische Zusammenhänge auf volkstümlichen Unsinn. Da hat Lohmann wirklich recht.

Und doch. Der Zölibat ist zumindest ein Faktor, wenn auch natürlich ein Faktor, der sich in jedem einzelnen Priester anders umsetzt. Der Zölibat war einst in einer kargen von sinnlichen, besonders von sexuellen Reizen gereinigten Klosterwelt wohl zu bewältigen – obwohl es auch dazu keine Daten gibt. Zunehmend leben wir aber nun in einer überhitzten, sexuell definierten Kultur, die begeistert auf alles verzichtet, was einst Intimsphäre hieß. Heute bedeutet der Zölibat für den Priester eine zunehmend mächtigere Qual. An der wachsenden Zahl von Priestern, die ihren Orden oder gar die Kirche verlassen, um zu heiraten, lässt sich der institutionelle und historische Irrtum des Zölibats ermessen. Dass der Zölibat mit einer kleinen Lebenslüge auch lebbar gemacht werden kann, weiß so mancher, der in einer katholischen Gegend aufgewachsen ist. Wenn der Sohn oder die Tochter der Haushälterin dem Herrn Hochwürden wie aus den Gesicht geschnitten erschien, war das eben Gottes Güte zu verdanken.

Das Fazit zum Canisius-Skandal ist mehr als deutlich: nicht jammern, handeln. Wenn ich dem Alkoholiker keine Flasche Madiran in die Hand drücken darf, darf ich auch dem zölibatsverwirrten Priester keine leckeren Teenie-Leiber in die Arme drücken. Die Öffentlichkeit ist weder in der Lage, noch willens eine Lösung zu ermöglichen. Dass der Rektor das nicht zu wissen scheint, das ist in Wahrheit der Skandal des Canisius.

Prof. Dr. Alexander Schuller,

Berlin-Wilmersdorf

Die Position von Herrn Lohmann ist unhaltbar. Die Kirche mit „woanders“ gleichzustellen und „woanders“ als Kriterium für das geltend zu machen, was in der Kirche zu passieren hat, ist ein gelungenes Eigentor. Dass das, was „woanders“ passiert, in der Kirche nicht passiert, ist die einzige Vollmacht, die sie in Anspruch nehmen kann. Wenn es doch passiert, ist sie keine Kirche mehr, jedenfalls nicht vor Gott. Um wieder „communio sanctorum“ sein zu dürfen, hat sie Buße zu tun. Im Fall Canisius-Kolleg haben sich die Verantwortlichen nun entschuldigt und versprochen, künftig „hinzusehen, zu erkennen und zu handeln“. Das ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber mehr als die bare Selbstverständlichkeit ist es nicht. Angesichts dessen, was sich vor nicht allzu langer Zeit in den USA und in Irland im großen Stil ereignet hat, ist der Weg noch lang. Es geht nicht nur darum, einen Rettungsplan für Kinder aufzustellen, die in den Brunnen gestoßen wurden, es geht vor allem darum, grundsätzlich (und nicht nur „fallweise“) dafür zu sorgen, dass der Sumpf trockengelegt wird.

Auch wenn es keinen Canisius-Skandal gegeben hätte, weiß Herr Lohmann, dass Zölibat und die katholische Sexualmoral problematisch sind. Sie sind in ihrer heutigen verkrusteten und dogmatisierten Form kein „Gut“, das es gegen die Anwürfe des „Bösen“ zu verteidigen gilt. Also bitte: Keine Verkehrung der Verhältnisse und keine „Irgendwo muss ja mal Schluss sein“-Position! Die Kirche ist nicht das Opfer. Weitergehende Fragen zu stellen, naheliegende Schlüsse zu ziehen ist nach wie vor zulässig, auch ohne ständige traurige Anlässe dazu.

Christian D. Schmidt,

Berlin-Lichterfelde

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Missbrauchfälle innerhalb der katholischen Kirche weltweit massenhaft seit Jahrhunderten ereignen. Was heutzutage in den USA und Irland und nunmehr auch bei uns bekannt wird, ist nur die Spitze eines Eisbergs. Welchen Kindern wird in katholisch geprägten Gegenden und Elternhäusern geglaubt? Je gläubiger die Menschen sind, umso hemmungsloser können diese „Priester“ ihr Unwesen treiben.

Bernd Wegner,

Berlin-Baumschulenweg

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