Leserbriefe : Unserer Gesellschaft fehlt der Gottesbezug

Zu Kardinal Meisners Entartete-Kunst-Zitat

Versteht man Kunst als das – häufig verzweifelte – Ringen, einer unsagbaren und mit dem Verstand nicht zu fassenden Wahrheit Ausdruck zu geben, dann ist sie in der Tat eine Annäherung an das Göttliche, in begnadeten Fällen gar dessen Inkarnation. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass der Herr Kardinal das so gemeint haben könnte.

Bernhard Wunsch,

Berlin-Charlottenburg

Die Worte von Herrn Meisner, der Kunst und Kultur ohne Gottesverehrung als entartet bezeichnet, sind durch nichts zu überbieten. Ich sehe hier Parallelen zum Gedankengut extremistischer Islamisten, über die man zutiefst erschrocken sein muss. Die Frage, die sich stellt ist, wie lange es noch dauern wird, bis Worte wie diese potenzielle Fanatiker unter den Katholiken dazu anregen, ebenfalls Bomben für ihren Gottesstaat zu legen. Kürzlich hatte ich eine Diskussion, bei der es um die Frage ging, ob man damit rechnen muss, dass extremistische katholische Kreise Vorbildern im extremistischen Islam nacheifern, und den Weg zurück ins Mittelalter – mit den uns allen bekannten Wohltaten des Katholizismus – einfordern. Ich hielt die Diskussion für völlig überspitzt, aber Herr Meisner hat mich nunmehr gelehrt, dass dieses Szenario doch nicht so unrealistisch ist.

Aber noch mehr Abscheu muss man haben, wenn man sich die Presseerklärung des Erzbistums Köln zur „Entartungspredigt“ von Herrn Meisner anschaut. Dort findet man den Satz, dass Meisner nicht müde werde zu betonen: „Ein entgöttlichtes Zusammenleben degeneriert zur totalen Unkultur, weil ohne Gott die Maßstäbe des Menschen fehlen.“ Dieser Satz zeugt von totalitärem, undemokratischem und intolerantem Denken. Es ist unglaublich, dass man sich als Nichtchrist so von exponierten Vertretern der Katholiken beschimpfen und herabwürdigen lassen muss. Mit diesem Satz werden Menschen, die nicht an Gott glauben – und dazu zähle ich mich aus voller Überzeugung –, zu bösartigen kulturlosen Unmenschen bzw. Untermenschen erklärt. Wer ist Herr Meisner, dass er sich so etwas erlauben kann?

Leute wie Herrn Meisner sind geistige Brandstifter, die unsere demokratische, tolerante und weltoffene demokratische Gesellschaft mit faschistoidem Gedankengut bedrohen, und gehören unter die Aufsicht des Verfassungsschutzes. Auf alle Fälle müssen wir alles tun um unsere Gesellschaft und insbesondere unsere Kinder gegen solche Leute und ihr degeneriertes „Denken“ zu schützen!

Prof. Dr. Helmut Seitz, Berlin-Spandau

Für Kardinal Meisner sind also bildende Künstler des 20. Jahrhunderts, beispielsweise Picasso oder Rodin, die von der „Gottesverehrung abgekoppelt sind“, von der Kultur „entartet“. Selbst wenn man dieses schreckliche Wort nicht in nazistischem Sinne versteht und es ent-artet, also wörtlich: „der Kunst entzogen“ begreift, ist das eine unverschämte Herabsetzung einer Kunst und Kultur, von der dieser Kardinal offenbar nichts versteht. Er ist – weiß Gott –, wie sich schon früher zeigte, kein Christ des 21. Jahrhunderts, sondern allenfalls des 15. Jahrhunderts, fern jeder Reform mittelalterlichen Denkens.

Dr. Wolfgang Mauruschat,

Berlin-Wannsee

Kardinal Meisner spricht doch nur das aus, was die katholische Kirche denkt und lehrt! Wer den Menschen als Gottes Abbild bezeichnet, glaubt auch an den Nikolaus. Verliert ein Kind den Glauben ans Christkind und Knecht Ruprecht sowie den Osterhasen und den Klapperstorch wird es erwachsen. Glaubt ein Mensch an den lieben Gott, unbefleckte Empfängnis, den Teufel in der Hölle und die Engel im Himmel sowie ans ewige Leben im Paradies oder Fegefeuer, ist er weder aufgeklärt noch wirklich erwachsen. Diesen Zinnober stellt die Kunst heute nicht mehr dar, sie will nicht mehr kirchliche Lehren illustrieren. Da wundert man sich nicht, wenn der Klerus Amok läuft. Der Islam verbietet gar die Kunst und erlaubt nur die Arabeske. Naiv, zu glauben, es gäbe eine religiöse Toleranz oder gar Akzeptanz zur heutigen Avantgarde. Das Band zwischen Kunst und Kirche ist zerschnitten.

Rainer Reusch, Berlin-Schöneberg

Kultur, schreibt Kardinal Meisner, sei gottgegebener Kult(us). Schau’n wir uns doch mal an, wo unsere Kultur „entarten“ könnte: Kulturpflanzen werden durch Einbringen artfremder Gene „entartet“. Jeden Tag soll eine Tierart von unserem Globus verschwinden, eine Form von Entartung? Menschliche Gene oder Zellen sollen auf artfremde Zellen übertragen werden, um menschliche Zellteile oder Zellen zu produzieren, eine weitere Form dieser Entartung?

Entspricht es unserer Kultur, von „der eigenen Hände Arbeit“ nicht mehr angemessen leben zu können? Ganz abgesehen davon, was unsere „Kultur“ mit anderen Kulturen von verschiedenen „Urbevölkerungen“ bis hin zum Irak anstellt. Passt das alles zu unserer Kultur? Oder ist sie eher dem „Ritualismus“ des „Reingewinns“ verpflichtet? Hat unsere Kultur bereits „ihre Mitte“ verloren? Die Politik, ob christlich oder nicht, hat sich, so scheint es, bereits von der Bevölkerung abgekoppelt.

Friedrich Lutz, Berlin-Zehlendorf

Natürlich hat es Kardinal Meisner nicht so gemeint, wie es seine überempfindlichen Kritiker empfunden haben. Empfindlichkeit und Aggressivität gehen oft Hand in Hand. Warum soll man das Wort „entartet“ nicht mehr gebrauchen, nur weil es unter Hitler in der verfehlten Ausstellung „Entartete Kunst“ missbraucht wurde?

Prof. (emer.) Hanfried Lenz,

Berlin-Charlottenburg

Man muss kein Christ und auch nicht konservativ sein, um Kardinal Meisner zuzustimmen. Unserer Gesellschaft fehlt der Gottesbezug. Unübersehbar ist dieser Verlust im kulturellen Bereich. Streben nach höherer Wahrheit, Ehrfurcht vor den Wundern des Lebens, Verfeinerung von Wahrnehmung und Sitte, Geistes- und Herzensbildung im umfassenden Goethe’schen Sinne – derlei mögen Außenseiter pflegen. Medien und Kulturpolitiker fördern heutzutage anderes: Die Verneinung des Guten und Schönen, die Verhöhnung von Vorbildern, die Ausrichtung am untersten Niveau. Da wetteifern Dutzende TV-Kanäle mit immer primitiveren Ekel-Shows um die Gunst eines sensationsgeilen Publikums. Auto-Ausstellungen geraten fast schon zu heiligen Messen. Sportler aus aller Welt laufen, schwimmen und radeln nicht aus Freude am fairen Wettstreit, sie dopen und tricksen, weil das Geschäft immer neue Rekorde verlangt. Profit heißt der Gott unserer Gesellschaft. Jahr für Jahr bezahlen wir Millionenbeträge für die Abtreibung Hunderttausender Kinder. Aber für eine angemessene Familienförderung fehlt das Geld. Ein Verbrechen angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland.

Herbert Rauter, Bad Herrenalb

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