Leserbriefe : Viele haben das Gefühl, morgen kann ich auf Sozialhilfe angewiesen sein

„Oskar Lafontaine – der deutsche Haider“ von Tissy Bruns vom 14. August

Ist es falsch, wenn einer die „kleinen Leute“, ihre Ängste ernst nimmt? Sind es nicht die zig Millionen „kleinen“ Leute, die dieses Land ausmachen? Lafontaine ist mehr SPD als die heutige SPD selbst, er ist sich immer treu geblieben; populistisch daherreden tun sie alle, die Politiker! Die heutige SPD könnte morgen mit der Union fusionieren, so sehr gleichen sie sich; die angeblichen Kämpfe zwischen SPD und Union, Merkel und Münte sollen doch nur davon ablenken, außerdem hätten die Medien dann über Politik ja gar nichts zu berichten!

Ich glaube gar nicht, dass diese irrsinnigen Gedanken Ihre sind; wie viel an Anzeigengeldern dieser Beitrag wohl einbringen wird? Ihr Gehalt ist jedenfalls erst mal gesichert. Abschließend hätte ich gern einmal, erklärt bekommen, inwiefern der Sozialstaat angeblich am Zusammenbrechen war vor den Reformen, die gar keine waren sondern reiner Abbau von Rechten und Gerechtigkeit. Nur durch immer und immer stattfindende Wiederholung einer puren Behauptung wird daraus keine Wahrheit! Hartz I–IV sind im Wesentlichen gescheitert und haben Unsummen gekostet! Hat Millionen von Menschen aus einstigen Vollzeit- in Minijobs gedrängt, gibt ihnen jeden Tag das Gefühl, morgen kann ich auf Sozialhilfe angewiesen sein (und im Alter sowieso!).

Tim Karsten, Berlin-Moabit

Ein vernünftiger Journalist sollte sich nicht an dem Geschäft beteiligen, politische Randfiguren auszubeißen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie man Anfang der 60er Jahre alle möglichen linken Gruppen als von „Pankow“ oder „Moskau“ ferngesteuert darstellte, weil sie nicht ins Schema des kalten Krieges passten. Es ist doch besser, mit Argumenten zu kritisieren, als mit demagogischen Vergleichen zu diffamieren. Populisten gedeihen immer dann, wenn die etablierte Politik – und manchmal auch die veröffentlichte Meinung – sich allzu weit vom Wählerwillen entfernt.

Von Lafontaine halte ich nicht gar so viel – aber sein relativer Erfolg beruht nicht etwa auf demagogischer Verführungskraft, sondern darauf, dass die meisten etablierten Politiker ebenso wie die meisten Journalisten schon lange darauf verzichtet haben, die durchschnittlichen Wähler ernstzunehmen, sondern als Einpeitscher des Zeitgeistes und „Reformer“ dem Bürger nur noch die Leviten gelesen haben, dass er fett, faul und gefräßig sei, und man ihm dringend Einkommen, Rente und Stütze kürzen müsse, um ihn auf Vordermann zu bringen, während das Heil an der Börse zu suchen sei. Wer anderer Meinung war, wurde als „reformunfähig“ und nostalgisch in die Ecke gestellt. Mit einem Wort, die Mehrheit der veröffentlichten Meinung genauso wie die Mehrheit der Politiker aller Parteien quakte nur noch nach, was ihnen die „Initiative Neue soziale Marktwirtschaft"“ vorquakte.

Was unsere Eliten in Management (Hartz, Kleinfeldt, Ackermann usw.) und in der Politik (Gasprom-Schröder) können, haben wir gesehen.

Davon hat eine wachsende Anzahl von Bürgern die Nase voll - und diese versucht Lafontaine auf seine Seite zu ziehen. Das könnte ihm höchstens gelingen, wenn die etablierten Parteien sich als lernunfähig erweisen, und glauben, mit dem Segen der Finanzgurus auch gegen den Wählerwillen zu regieren. Ein paar ordentliche Sozialdemokraten würden genügen, um Lafontaine und Co. im Westen wieder unter fünf Prozent zu drücken – Müntefering macht ja mit dem Mindestlohn ein paar zaghafte Versuche in diese Richtung. Aber der Bürger muss erst mal wieder überzeugt werden, dass der Richtungswechsel ernst gemeint ist, bevor er wieder Vertrauen fasst. Solange kann Lafontaine, den ich für eine Witzfigur halte, weiter den großen Volkstribun geben. Aber der Vergleich mit Haider ist unfair. Eben Ausbeißertum.

Andreas Thomsen, Essen

Ihr scharfmacherischer Artikel gegen Oskar Lafontaine erinnert an die Hassausbrüche der britischen Gelbpresse von Anfang 1999. Damals kürten die schreibenden Sprachrohre des neufreiheitlichen Hauptgeistesstrangs den ersten Bundesfinanzminister unter Schröder zum gefährlichsten Politiker Europas, nur weil er Regeln für das unkontrollierte weltumspannende Pokerspiel der großen, unsere natürliche Umwelt zerstörenden Finanzhaie forderte. Der von Ihnen ausgesprühte Hass erinnert den Historiker an die Aufrufe vom Anfang 1919 an den Litfaßsäulen, worauf zu lesen stand: „Schlagt ihre Führer tot!“

Lafontaine gehört mit seinem Werdegang zu der Tradition des Wirkens eines Karl Liebknecht, der als einziger SPD- Abgeordneter im Herbst 1914 die Zustimmung zu den Kriegskrediten verweigerte. Das nahm ihm die Reaktion mehr übel als seinen Wechsel zur KPD am 30./31.12.1918, weswegen sie ihn im Januar 1919 ermorden ließ.

Sie und Ihresgleichen leiden im Unterschied zu damals hoffentlich nur unter dem Trauma, dass im Mutterland des untermeliererischen Wühlertums eine vielleicht diesmal freiheitlich gesinnte, soziale und demokratische Linke, erneut Fuß fassen könnte.

Rudolf Reddig, Berlin-Friedrichshain

Ihr Geschreibsel über Lafontaine als „deutschen Haider“ ist flachstes Niveau, wie die „Bild“-Zeitung. Sie reihen ein Vorurteil an das nächste, ohne jede Intelligenz ohne jede Argumentation.

Familie Keller, Rednitzhembach

Wenn ich mir die vielen Artikel, Umfragen, Interviews, etc., zum Thema Die Linke in der letzten Zeit ansehe, so drängt sich mir zwangsläufig der Gedanke auf, dass hier nur eines erreicht werden soll: Mobilisierung des konservativen Wählerpotenzials durch Diffamierung des politischen Widersachers und durch das ausgiebige Ausmalen eines Gespenstes der „Verschiebung“ der Parteienlandschaft, der „anderen Republik“ und wie die Schreckensszenarien noch so heißen mögen. Dabei wäre ein Blick in den Osten Deutschlands im Allgemeinen und nach (Gesamt-)Berlin im Besonderen ganz hilfreich - nach 6 Jahren Rot-Rot geht die Sonne in Berlin immer noch im Osten auf und im Westen unter und von einer Massenflucht des Berliner Bürgertums auch noch keine Spur! Und in mehreren europäischen Nachbarländern sind und waren Sozialisten und Postkommunisten sogar landesweit an der Macht, ohne dass dies auch nur zur geringsten Verzögerung des europäischen Integrationsprozesses geführt hätte.

Alexander Schwarz,

Berlin-Altglienicke

Seit einigen Monaten bin ich Leser des Tagesspiegels. Bisher hielt ich den Tagesspiegel für eine liberale und seriöse Zeitung. Der Artikel hat mich tief in meiner bisherigen Beurteilung Ihrer Zeitung verunsichert. Meine Frage: Ist der Tagesspiegel zu einem platten Kampfblatt gegen die Armen in unserer Gesellschaft geworden? Muss ich vielleicht doch auf die Zeitung „Neues Deutschland“ umsteigen?

Wolfgang Rüffer, Minden

Oskar Lafontaine, der schlimme „Populist“. Da spielt natürlich keine Rolle, dass dieser Mann sich seit vielen Jahren – u. a. auch in vielen Büchern – weiß Gott treu geblieben ist, indem er das unserem Westen innewohnende, alles, aber auch alles bestimmende Credo „Die Würde des Kapitals ist unantastbar“ infrage stellt und zu recht vermutet, dass darin der wesentliche Grund für den Kampf anders denkender Kulturen gegen uns liegen dürfte – und von Fanatikern bequem instrumentalisiert werden kann.

Ja, das Gespür in der Bevölkerung, dass hier Grundsätzliches angesprochen werden muss, wächst, und Leute wie Herr Lafontaine, die dem immer wieder und erfreulich beredt auch Ausdruck verleihen, sind derzeit bitter nötig, soll nicht das wirklich Verteidigenswerte unserer Kultur weggespült werden. Das muss hier im „Westen“ geschehen und nicht am Hindukusch. Und inaktiv die Auswüchse der Globalisierung als schicksalshaft/gottgegeben hinnehmende Politiker ohne jeden Funken Gestaltungswillen (wäre ja auch gegen das Credo gerichtet) haben wir mehr als genug.

Dr. Eberhard Schneider,

Berlin-Dahlem

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben