Leserbriefe : Was rührt uns am Sterben des Papstes?

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„Christus öffnet die Türen für den Papst“ vom 2. April, „Der Papst ist tot“ vom 3. April und „Millionen trauern um den Papst“ vom 4. April 2005

Die Bilder des schwerkranken Papstes verursachten gerade in den letzten Wochen bei vielen Menschen, so auch bei mir, gemischte Gefühle. Tut er noch das Richtige? Sollte er nicht doch zurücktreten? Nun hat er seinen Dienst bis zum Ende durchgezogen und ist dann doch relativ plötzlich gestorben.

Wir waren live dabei, genau wie am 11. September, in Beslan oder bei der Tsunamikatastrophe. Waren wir dabei Zeitzeugen oder doch nur Zaungäste?

Während der Papst im Sterben lag, wurden viele gute Berichte über sein Pontifikat gesendet und wir wurden ausführlich über die Eigenheiten im Vatikan und das Prozedere der anstehenden Papstwahl unterrichtet. Häufig wurde erwähnt, dass Johannes Paul II. ein Symbol war und sein ganzes Wirken symbolischen Charakter trug.

Umso mehr erstaunt es mich, dass der symbolische Gehalt, auch die öffentliche Art seines Sterbens, überhaupt nicht thematisiert wurde. Während wir stundenlang auf beleuchtete Fenster schauten, wurden wir, so erscheint es mir heute, von einer kollektiven Blindheit erfasst.

Kann es ein, dass wir die Chance nicht wahrgenommen haben, einige Anliegen in diesem symbolischen Sterben ausfindig zu machen und aufzugreifen, weil sie nach wie vor tabuisiert werden?

Björn Mrosko, Offenbach

Sehr geehrter Herr Mrosko,

die Traurigkeit ist die Basis aller Gefühle – wir brauchen sie, um angemessen mit dem Werden und Vergehen umzugehen. Doch Traurigkeit wird in unserer Gesellschaft verdrängt. Die Volkskrankheit Nummer eins ist deshalb die Depression. Die ungewollte Traurigkeit erscheint uns bedrohlich. Nach meiner Erfahrung gab es noch nie so viel Angst vor dem Trauergefühl wie heute. Das Sterben des Papstes gab uns die Gelegenheit, Traurigkeit zu teilen. Doch schon einen Tag nach dem Begräbnis des Papstes werden die Menschen, die auf dem Petersplatz waren, depressiv sein. Denn in der Regel versuchen wir ja, im stillen Kämmerlein mit der Traurigkeit fertig zu werden – ein Teufelskreis, der uns in die Depression führt.

Weil wir mit den eigenen Trauersituationen nicht umgehen können, verschieben wir sie in kollektive Trauerereignisse und -erlebnisse. Durch den Tsunami kam es zu einer Spenden-Ekstase, durch die Koma-Patientin Schiavo kam es zu einem Taifun der Mitgefühle. Das Leben sollte auf Biegen und Brechen erhalten werden. Dann wurden wir heimgesucht durch den „Giga-Event“ Papst, es kam zu einer Art „Massen-Psychose“. Denn wenn sieben Millionen Menschen in Rom unterwegs sind, dann ist das eine kritische Masse. Und man muss sich fragen, was da eigentlich geschehen ist. Man durfte gemeinsam fühlen und Gefühle äußern, ohne aufzufallen. Auf dem Petersplatz trafen sich Mitmenschen, die Trauergefühle verstehen. Fruchtbare Trauer findet immer unter Mitmenschen statt, niemals im stillen Kämmerlein. Deshalb sucht die stark verkrustete Gefühlswelt der Menschen immer nach „Events“ – wie zum Beispiel dem Papsttod. Und ein solcher Event bringt immer auch eine Art „Psychose“ mit sich, eine Grenzenlosigkeit der Gefühle.

Wir müssen Wojtyla mit Achtung begegnen. Doch was er als Papst gemacht hat, ist nach außen gewandt frei und nach innen stockkonservativ. Für die Menschen war er vor allem eine Figur, die uns mit Strenge zwang – hin zu einer Orientierung. Im Angesicht des Papstes wusste man, ob man ein Sünder ist. Der Papst war also eine große Projektionsfläche, die vielfältige Gefühle ermöglichte. Außerdem: Er war ein „papa“ in dieser vaterlosen Gesellschaft – mit einem guten Draht nach oben: So könnten wir in unserer Traurigkeit erhört werden, sie teilen. Zudem: Wenn ich zum Begräbnis nach Rom fahre – oder es auch nur am Fernsehen verfolge – kann ich sagen: Ich war dabei, so bekomme ich Identität. Für die Jugendlichen war der Papst so attraktiv, weil er in einer führungslosen Gesellschaft Orientierung anbot. Wir bräuchten heute Leitbilder des Fühlens, damit wir auf Events verzichten können, die uns fühlen lassen – damit wir nicht mehr wie ziellos Reisende auf einen fahrenden Zug springen müssen. Leider hat die Wissenschaft das Thema Trauer schon lange los- und den Pharmakologen überlassen. Wir wären besser beraten, die Trauerfähigkeit weiterzuentwickeln. Sie ist ein Geschenk der Evolution. Wir müssen lernen, bei Verlusten zu gewinnen - z.B.Gefühle, Blicke und dass uns jemand zuhört. Eine Kultur, die mit Traurigkeit nicht umgehen kann, ist eine Kultur der Gefühlsanalphabeten. Die Trauer ist eine sehr anspruchsvolle Dame. Sie will gesehen, gehört, verstanden, ernst genommen, akzeptiert werden. Insofern war das Sterben des Papstes eine gute Gelegenheit zum Fühlen.

— Dr. Jorgos Canacakis, Diplompsychologe

und Psychotherapeut, Leiter der

Akademie für Menschliche Begleitung in Essen.

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