Leserbriefe : Werden Behinderte bei der Jobsuche diskriminiert?

Behinderte finden kaum Arbeit – Vorurteile wirken stärker als der Aufschwung“ vom 3. Dezember

Ich sitze nicht im Rollstuhl und kann ganz gut sehen und hören. Kurz: man sieht mir meine Behinderung nicht an. Sie hinderte mich auch nicht daran in meinen früheren Jobs als Marketing- oder IT-Fachmann tätig zu sein, so ich denn nochmals die Möglichkeit hätte.

Seitdem habe ich auf der Jobsuche folgende Erfahrungen machen müssen: Allein die Angabe eines Grades der Behinderung genügt, um aus dem Bewerberprofil zu fallen und – was wesentlich bitterer ist – Arbeitsagenturen und Jobcenter sind mit der Betreuung und Vermittlung behinderter Arbeitsuchender meist völlig überfordert.

Überhaupt laufen alle gesetzlichen Bemühungen, behinderte Arbeitsuchende in Lohn und Brot zu bringen, darauf hinaus, dass sie entweder ignoriert – oder aber durch Arbeitgeber schamlos ausgenutzt werden. Denn wer soll in ersterem Fall schon kontrollieren, ob den Bestimmungen des AGG Genüge getan wurde. Im zweiten Fall werden die Unterstützungen, die einem Arbeitgeber gewährt werden gerne genommen und nach Ablauf der Bezuschussungsdauer findet sich schon ein netter Kollege, der den Behinderten „rausmobbt“.

Vielleicht sollten sich die Arbeitgeber klarmachen, dass die Beschäftigung eines Behinderten kein unkalkulierbares Risiko darstellt. Der meist befürchtete häufigere krankheitsbedingte Arbeitsausfall ist nicht höher, als bei anderen Mitarbeitern, ganz im Gegenteil: als Behinderter hat man – aufgrund von Rehabilitationsmaßnahmen und des Lebens mit einer Einschränkung – meist eine wesentlich bessere Wahrnehmung der eigenen Gesundheit. Man ist sich ihrer besser bewusst und vermeidet von vornherein Situationen, die zu Gefährdung führen.

Es ist bedauerlich, dass Arbeitgeber und deren Personalverantwortliche nur die Schwächen von behinderten Bewerbern und die Risiken einer Beschäftigung sehen. Dadurch sind sie meist nicht in der Lage, von den besonderen Fähigkeiten dieser Menschen zu profitieren.

Rainer Geyer, Berlin-Oberschöneweide

Sehr geehrter Herr Geyer,

Sie haben recht. In Gesprächen mit Unternehmensvertretern werde ich nicht müde darauf hinzuweisen, dass behinderte Menschen auf einem passenden Arbeitsplatz, gegebenenfalls mit der richtigen Unterstützung, nicht nur genauso produktiv arbeiten können wie nicht behinderte Menschen, sondern für jede Firma ein besonderer Gewinn sind. Meine Erfahrung ist: Menschen mit Behinderung sind qualifiziert, hochmotiviert und kreativ, wenn sie nur eine Chance bekommen.

Und genau an diesen Chancen fehlt es meist. Die Bundesregierung bietet Unternehmen eine Reihe von finanziellen Anreizen und Unterstützung bei der Beschäftigung behinderter Menschen. Das sind wichtige Voraussetzungen – der Erfolg bleibt dennoch überschaubar. Oftmals blenden die Personalverantwortlichen vor allem kleinerer Firmen die Möglichkeit der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen von vornherein aus. Grund dafür ist meiner Ansicht nach nicht bösartige Ignoranz, sondern es sind Unkenntnis und Unsicherheit , die letztlich hartnäckigen Vorurteilen den Boden bereiten.

Mangelnde Kenntnis und Unsicherheit im Umgang mit behinderten Menschen ist unter anderem zurückzuführen auf eine systematische Ausgrenzung behinderter Menschen in Deutschland. Mit Erreichen des Schulalters beginnt für viele Menschen mit Behinderung das Leben in einer Parallelwelt: Förderschule, Heim und Werkstatt sind ein scheinbar in Stein gemeißelter Weg für viele behinderte Menschen. Eine Zahl verdeutlicht diese Praxis: In Deutschland gehen lediglich zwölf Prozent der behinderten Kinder gemeinsam mit nicht behinderten Kindern in eine Schule. Damit liegt Deutschland weit unter dem europäischen Durchschnitt!

Solange wir nicht mehr Integration wagen, wird sich die (Beschäftigungs-)Situation behinderter Menschen nicht grundlegend ändern. Das ist meine Überzeugung. Wir brauchen mehr schulische Integration, mehr ambulante Wohnformen mitten in der Gemeinde und wir brauchen klare Alternativen zur Beschäftigung in Werkstätten für behinderte Menschen. Denn auch für Personalverantwortliche gilt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Oder anders: Welcher Personalchef stellt einen behinderten Menschen ein, wenn er Behinderung im Alltag nie erlebt hat?

Die Bundesregierung hat sich Anfang dieses Jahrtausends auf den Weg gemacht, diesen Paradigmenwechsel in der Politik für und mit behinderten Menschen nach und nach gesetzlich zu verankern. Auch einige Bundesländer richten inzwischen ihr Schulsystem nach den Anforderungen einer modernen Bildungspolitik aus. Es ist für alle ein mühsamer Weg mit vielen Hürden. Ich hoffe, dass es uns am Ende gelingen wird, alle davon zu überzeugen, dass Integration von Beginn an ein Schlüssel für Teilhabe und Selbstbestimmung behinderter Menschen ist.

Mit freundlichen Grüßen

— Karin Evers-Meyer (SPD), MdB,

Beauftragte der Bundesregierung

für die Belange behinderter Menschen

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