Leserbriefe : Wirtschaft soll den Menschen dienen

Berichterstattung zur S-Bahn

Immer wieder lese ich in Zeitungsartikeln und auch in Leserbriefen, der Verantwortliche für die katastrophalen Verhältnisse bei der Berliner S-Bahn sei Herr Mehdorn mit seiner ausschließlich auf Rendite orientierten Sparpolitik, die dann von den Verantwortlichen bei der S-Bahn mit dem bekannten Ergebnis umgesetzt wurde. Ich will Herrn Mehdorn nicht in Schutz nehmen, aber es ist zu kurz gesprungen, in ihm den letztlich Verantwortlichen zu sehen. Ausgangspunkt ist der Beschluss des Deutschen Bundestags, die Bahn an die Börse zu bringen.

Die Verantwortung dafür tragen die Große Koalition unter Frau Merkel und die Abgeordneten, die im Bundestag diesen Beschluss mitgetragen haben. Der Versuch, die Bahn mit hohen Gewinnen für den Börsengang schön zu machen, ist nur die logische Konsequenz dieses Beschlusses gewesen. Wir sollten weder Frau Merkel noch die SPD mit ihrem ehemaligen Verkehrsminister Tiefensee aus der Verantwortung entlassen. Vielleicht schweigt Frau Merkel, weil sie sich ob der eigenen Leistung geniert. Und noch eines sollten wir gelernt haben: Privatisierungen, gerade auch im Zuge von Börsengängen, sind nicht automatisch Heilsbringer, wie es von marktwirtschaftlichen Ideologen gerne gepredigt wird. Die Wirtschaft sollte den Menschen dienen und nicht umgekehrt: Das sollte auch bei Privatisierungen gelten.

Klaus Beckmann, Berlin-Wedding

Als Allheilmittel gegen mangelhafte Leistungen der Berliner S-Bahn wird nun wieder eine weitere Privatisierung des öffentlichen Nahverkehrs vorgeschlagen: Die Verkehrsleistungen der S-Bahn sollen ausgeschrieben und bei einem günstigeren Angebot an andere Wettbewerber vergeben werden. Dazu wird ohne jede nachvollziehbare Begründung versprochen, dies würde zu einer Qualitätsverbesserung des Angebotes führen. Nur: Jeder private Wettbewerber wird in erster Linie den Renditeerwartungen seiner Gesellschafter verpflichtet sein, was genau der Vorwurf an die bisherige Geschäftspolitik der S-Bahn ist. Die Diskussion um die Rekommunalisierung bei Wasser- und Stromversorgung belegt, dass es um Prioritäten geht. Was soll vorrangig sein, die Versorgungssicherheit und Qualität oder ein Gewinnstreben der Eigentümer? Bei der S-Bahn sind die Verkehrsfachleute, deren wichtigstes Anliegen es war, den Betrieb auch unter widrigen Bedingungen zuverlässig aufrechtzuerhalten, durch Betriebswirte mit offensichtlich anderen Vorgaben ersetzt worden. Egal, wie gut oder schlecht die zu schließenden Verkehrsverträge abgefasst sind, der jeweilige Eigentümer des betriebsführenden Unternehmens wird bestimmen, wo die Reise langgeht. Wo dies hinführt, haben wir bei dem verantwortungslos handelnden Alleingesellschafter Deutsche Bahn AG und den Vorgaben seines Eigentümers, der Bundesrepublik Deutschland, gesehen.

Johannes Tietze, Berlin-Gatow

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