Leserbriefe : Zu viele junge Menschen ohne Perspektive

„Hartz IV ist besser als sein Ruf“

von Antje Sirleschtov vom 2. September

Halleluja, auf diesen Beitrag habe ich lange gewartet! Endlich mal ein Kontrapunkt zur verbreiteten Hysterie, die kenntnislos dem Trott der Berufsempörten folgt. Manche mögen es ja toll finden, wenn Langzeitarbeitslose schon deswegen deutlich mehr Mittel aus Steuergeldern beziehen, weil sie Jahre vorher einen besseren Job hatten. Aber ist denn der Sozialstaat wirklich gedacht als Garant einer (freilich reduzierten) Besitzstandswahrung? Und was hätte das mit Gerechtigkeit zu tun?

Wo auch immer der Bezug zu Hartz IV liegt, er wird Empörung generieren. Wer heute über „Hartz“ jammert, hat offenbar jahrzehntelang die Realität in der Sozialhilfe übersehen. Demgegenüber stellt Hartz IV eine quantitative und qualitative Verbesserung für die Bezieher dar. Und die meisten dieser Betroffenen wissen das sehr gut. Denn die „Hartz“- Kritiker argumentieren rein aus dem Interesse der seit 2004 nicht mehr so auskömmlich abgesicherten Besserverdienenden. Danke jedenfalls für einen ausgezeichneten Beitrag!

Joachim Bell, Berlin-Moabit

Mit Ihrem nüchternen Kommentar stoßen Sie eine längst überfällige Diskussion an. Im internationalen Vergleich hat Deutschland ein gerade mittelmäßiges Schulsystem und mit großem Abstand die schlechtesten Chancen für Kinder aus unteren Bevölkerungsschichten, zu einer ordentlichen Bildung und Erziehung zu gelangen. Die Schulen ziehen die ausbildungsuntauglichen künftigen Hartz-IV-Empfänger geradezu heran. In den vergangenen Jahren verließ jedes Jahr rund eine Viertelmillion Schüler und Schülerinnen die Schule oder die Berufsschule ohne Abschluss.

Im Durchschnitt der EU-25 haben 76,9 Prozent der 20- bis 24-Jährigen Abitur, Fachabitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen, in Deutschland jedoch nur 71 Prozent (Statistisches Bundesamt: „Deutschland in der EU“, 2006). Hinter diesen anonymen Prozentzahlen verbirgt sich eine runde halbe Million junger Menschen ohne Qualifikation, ohne Job und ohne Perspektive. Dazu befinden sich noch einmal rund 600 000 Jugendliche in „berufsvorbereitenden Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik“, von denen erfahrungsgemäß wiederum mindestens ein Drittel die Qualifikation nicht schafft.

In einem Punkt hat die Autorin allerdings unrecht: Gerade die „Schecks“ für ausbildungsunfähige oder ausbildungsunwillige Jugendliche sind gar nicht so niedrig. Alle staatlichen Leistungen zusammengenommen, kann es ein arbeitsloser 18-Jähriger durchaus auf über 650 Euro im Monat bringen, und das übersteigt die Ausbildungsvergütungen in den meisten Ausbildungsberufen deutlich. Nicht gerade ein Anreiz zu eigenen Anstrengungen.

Dr. Andreas Bödecker, Vorstand der Weberbank Aktiengesellschaft, Berlin

Obwohl ich der Verfasserin im letzten Absatz ihrer Ausführungen recht geben muss, hat mich der Tenor des gesamten Artikels wütend gemacht. Der Autorin ist offensichtlich entgangen, dass alles, aber auch alles teurer wird und selbst die Parteien sich mehr Geld zuschustern wollen. Die „Gewinner“ und die „normalen“ Hartz-IV-Empfänger müssen noch mehr sparen, wobei? Alle Berufssparten fordern Gehaltserhöhungen, nur die Hartz-IV-Empfänger haben leider keine Lobby, die sich für sie einsetzt.

Heike Schieder, Berlin-Charlottenburg

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