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Leserkommentar : Warum wir eine Währungsreform brauchen

30.10.2011 10:15 Uhrvon
Foto: Kai Heinrich, Montage: Daniel StreuberBild vergrößern
Foto: Kai Heinrich, Montage: Daniel Streuber

„Eine Währungsreform ist nichts Schlimmes“, meint unser Leser Dr. Thoralf Schleitz. Sie könne bei der Überwindung der Schuldenkrise helfen und Chancen für einen Neuanfang in der Eurozone bieten.

Zunächst einmal, eine Währungsreform ist nichts Schlimmes, sondern eine Bereinigung der Finanzsituation und ein Neuanfang, der durchaus Chancen für die weitere Entwicklung unserer Wirtschaft bietet.

Eine Währungsreform ist notwendig, um eine unkontrollierbare und ungezügelte Welle von Bankenpleiten zu verhindern und um in der Konsequenz eine Hyperinflation abzuwenden. Die hohe Verschuldung von Griechenland ist dabei nur der Auslöser. Früher oder später wäre mit ziemlicher Sicherheit auch an Deutschland mit der D-Mark kein Weg an einer Währungsreform vorbei gegangen, da nicht nur die anderen Mitgliedsstaaten der Eurozone hoch verschuldet sind, sondern auch Deutschland.

Sicher ist die Situation in Deutschland derzeit noch weniger dramatisch als z.B. in einigen südlichen Ländern. Ein Grund dafür dürfte sein, dass der Staat im Wesentlichen bei seiner eigenen Bevölkerung verschuldet ist. An der Situation an sich ändert dies allerdings wenig.

Es ist notwendig, sich die Frage zu stellen, warum die Mitgliedsstatten so hoch verschuldet sind und was diese Schulden eigentlich darstellen. Über mehrere Jahrzehnte war es mit wenigen Ausnahmen nicht möglich, ausgeglichene Haushalte zu erzielen. Der Grund dafür liegt keineswegs in der Knappheit von Geld,  sondern in der Verteilung des Wohlstands. Wir haben z.B. mit der Agenda 2000 in Deutschland die Verteilung nicht unwesentlich zu Gunsten des Kapitals verschoben. Was uns dabei nur unzureichend gelungen ist, ist die Abschöpfung dieses Kapitals, um die erforderlichen Sozialleistungen zu finanzieren. Die Sozialleistungen wurden zumindest teilweise über Nettoneuverschuldungen finanziert. Dafür gab es sicherlich nachvollziehbare Gründe, denn Kapital ist bekanntlich ein scheues Reh und die Politik wollte nicht Gefahr laufen, dass es Deutschland meidet.

Heute stehen wir vor der Frage, ob und was wir den Bürgern im Rahmen der Haushaltskonsolidierung zumuten können. Ausgabenseitig bedeutet dies, dass die Angemessenheit sozialer Leistungen auf dem Prüfstand steht. Dabei ist aus Sicht des Autors allerdings nur wenig Spielraum gegeben, wenn der soziale Frieden in unserem Land aufrechterhalten werden soll, denn an höherer Kriminalität, geringerer Bildung oder der Verarmung von Familien mit Kindern kann Niemand Interesse haben. Auch ist zu beachten, dass sich bereits zwei Generationen hinsichtlich einer ausgeglichenen Bevölkerungsentwicklung zumindest in Teilen verweigert haben, also die Versorgungslasten der nichtarbeitenden Bevölkerung pro Kopf erheblich ansteigen. Die Dramatik dieser Entwicklung lässt sich am besten an den Geburtenzahlen nachvollziehen. Wurden z.B. im Jahre 1966 auf dem Gebiet von Sachsen-Anhalt ca. 50.000 Kinder geboren, so waren es 1988 ca. 30.000, im Jahr 2010 ca. 17.000 und es werden bei anhaltender Entwicklung im Jahr 2025 unter 10.000 Geburten sein. In einer solchen Situation wäre es unverantwortlich z.B. das Kindergeld zu kürzen oder die Lasten der Kinderbetreuung stärker auf die Eltern zu verlagern. Auch verdeutlicht diese Entwicklung, dass die notwendigen Versorgungsleistungen gravierend ansteigen werden.

Nicht die Politiker sondern der Wähler entscheidet letztlich darüber, ob es mehr oder weniger Versorgungsleistungen durch den Steuerzahler oder Eigenvorsorge sein soll. Die FDP steht hier z.B. ganz klar für mehr Eigenvorsorge.

Eine weitere wesentliche Frage ist, welcher Gegenwert den Bankguthaben heute entgegensteht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bisher die Rechnung aufgegangen ist, da nie alle gleichzeitig für die Zahlenkolonnen auf ihren Konten Konsumgüter und Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollten. Kurzfristig, und daran dürfte es keinen Zweifel geben, ist für die Zahlenkolonnen kein ausreichender Gegenwert vorhanden. Dramatisch könnte die Situation also werden, wenn ein Großteil der Bevölkerung auf die Idee kommt,  sein Guthaben in Sachwerten anlegen zu wollen.

Warum nun ist eine Währungsreform das Mittel der Wahl, um chaotischen Zuständen auf den Finanzmärkten zu entgehen?

Eine Währungsreform wirkt im Grunde genommen wie eine Steuer. Es wird letztlich das entwertet, was als Steuer eigentlich hätte erhoben werden sollen. Sie bietet dabei  aber die Möglichkeit,  soziale Kriterien bei der erforderlichen Entwertung des Geldes einzubauen. So können analog der Umstellung von Ost-Mark auf D-Mark bestimmte Beträge in einem realen Verhältnis von 1:1 überführt werden. Das dies nach Altersgruppen gestaffelt erfolgen sollte, liegt auf der Hand, denn ansonsten läuft der Steuerzahler Gefahr, dass die gegebenenfalls erforderlichen  Versorgungsleistungen insbesondere älterer Menschen von ihm übernommen werden müssen. Zu großzügig darf er dabei allerdings nicht sein, denn sonst ergibt sich binnen kurzer Zeit wieder eine ähnliche Situation.

Nun könnte der eine oder andere in die Versuchung gelangen,  sein Geld z.B. in Schweizer Franken zu parken. Es wird ihm nicht helfen, denn ein neuer Euro wird eine sehr starke Währung sein und der Schweizer Franke entsprechend abgewertet. Man sollte also eine Währungsreform gelassen als Nachversteuerung betrachten. Auch sich zu verschulden dürfte nicht zum Ziel führen, da im Gegenzug zu Zugeständnissen bei Bankguthaben auch Schulden zumindest begrenzt 1:1  real übernommen werden könnten.

Eine letzte Bemerkung sei dem Autor dieses Artikels noch gestattet. Nach der Währungsreform ist vor der Währungsreform. Ob diese in 10, 20 oder in 100 Jahren stattfindet wird davon abhängen, ob es gelingt, die erforderlichen Ausgaben durch Einnahmen zumindest weitestgehend zu decken. Ich wünsche uns allen den dafür erforderlichen Mut!

Der Autor dieses Artikels schreibt als Privatperson. Er promovierte am Institut für Wirtschaftswissenschaften  und Soziales  des Landbaus an der Martin Luther Universität in Halle und ist seit fast 15 Jahren in der Agrarpolitik für die SPD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt tätig.

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