Linkspartei : Sie lieben uns doch alle

Böse West-Linke, gute Ost-Linke: Diese Unterscheidung stimmt nicht. Im Osten fristen in der SED-PDS-Linkspartei auch Leute eine politische Existenz, die im Realsozialismus bestens dastanden und der Stasi zulieferten. Sie hatten und haben öffentliche Ämter inne - und dienen der sozialistischen Sache.

Werner van Bebber

Sie achten sehr auf ihren Ruf. Böses lassen sie sich nicht gern nachsagen: Die frisch gewählte linke Fraktion des niedersächsischen Landtags hat ihre Abgeordnete Christel Wegner herausgeschmissen. Wegner ist die Genossin, die in zukünftigen sozialistischen Zeiten eine neue Staatssicherheit installieren will, um „reaktionäre Kräfte“ niederzumachen.

Es wird nun, da die Altkommunistin Wegner in der Linksfraktion nicht mehr mitmachen darf, noch etwas dauern mit der antikapitalistischen Revolution – in Niedersachsen und darüber hinaus. Interessant ist die schnelle kleine Säuberungsaktion aber nicht nur für das niedersächsische Publikum. Denn sie zeigt, wie scharf die Vormänner der Linken darauf bedacht sind, im Westen alles zu vermeiden, was ihre mutmaßliche Koalitionsfähigkeit beschädigen könnte: bloß keine Stasidebatten, bloß keine ostalgischen Gefühlswellen. Der künftige Sozialismus, das versprechen die Linken in Niedersachsen, wird einer sein, in dem es „Reisefreiheit“ gibt und „Demokratie“. Doch worüber wird dann abgestimmt? Über das Eigentum an den Produktionsmitteln?

Das ist so unglaubwürdig wie die radikale Imagekorrektur, die die Linken versuchen: nicht weil Wegner mit ihrer DKP-Vita vielleicht schon früher mal von Erich Mielkes Verdiensten geschwärmt hat, sondern weil es die Linken republikweit nur dann mit der Distanzierung von der DDR und ihren Organen genau nehmen, wenn alle Welt hinguckt und hinhört.

Dann auf einmal trennt man sich von Mitstreitern, die nicht so aussehen, wie man links jetzt gern aussieht: jung, gerechtigkeitsverliebt, kess, für das Gute in der Welt, gegen Hartz IV, der SPD nicht fremd, aber viel verträumter – und Utopien nicht abgeneigt. Das wird man doch dürfen in Deutschland.

Wann immer Linke dieser Prägung das Licht der Öffentlichkeit erblicken, stürzt sich diese auf sie: ach, diese jungen Sozialistinnen … Das hat für den linken Rest den Vorteil, dass sich keiner mehr über dessen DDR-Verhaftetheit aufregt. In Berlin haben sich alle daran gewöhnt, dass es einen Sozialismus mit dem netten menschlichen Antlitz von Carola Bluhm oder Klaus Lederer im hauptstädtischen Politbetrieb gibt. Die Sozialisten mit Sinn für Reisefreiheit sind bündnisfähig, diskussionsfreudig, pragmatisch. Die Pilgerzüge zum Sozialistenfriedhof, die sie jährlich absolvieren, fallen unter Folklore.

Keiner weiß, was Sozialisten machen werden, wenn sie mal wieder etwas mehr zu sagen haben als jetzt. Jeder aber kann wissen, dass Stasisympathien nur im Westen einen Grund für den Fraktionsausschluss liefern. Im Westen verkörpert der geläuterte Sozialdemokrat Oskar Lafontaine die politische Moral der Linken. Leute wie Diether Dehm, die der DDR vor 1989 etwas zu nahegekommen waren, schaffen es nicht mehr in die erste Reihe. Im Osten aber, so ist und bleibt es nun mal, fristen in der SED-PDS-Linkspartei auch Leute eine politische Existenz, die im Realsozialismus bestens dastanden und der Stasi zulieferten.

Sie hatten und haben in Brandenburg, Berlin und anderswo, in Stadtverwaltungen und Landesparlamenten öffentliche Ämter inne. Moral ist im Osten, was der sozialistischen Sache dient.

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