Loveparade in Duisburg : Für Sicherheit kein Platz

Immer größer – darauf ist die Eventkultur angelegt, die sich mit Teilnehmerrekorden und dem Gefühl der Gemeinsamkeit inmitten einer unendlichen Masse berauscht wie an einer Partydroge. Ein Kommentar zur Tragödie bei der Loveparade in Duisburg.

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Dance or die!“, war einer der Slogans, mit dem für die Loveparade in Duisburg mobilisiert wurde. Tanzen bis zum Umfallen zu wummernden Beats, die den Körper vibrieren lassen, angefeuert vielfach noch mit ein paar Pillen, die nicht der Hausarzt verschreibt – das war doch gemeint. Sie wollten tanzen, nicht sterben, die 19 jungen Menschen. Gestorben ist mit ihnen möglicherweise auch die Loveparade.

„Warum?“, war am Sonntag auf Zetteln zu lesen, die neben vielen Kerzen am Ort des Grauens stehen. Warum es zu dieser Tragödie kommen konnte, werden in den nächsten Tagen viele fragen; Sachverständige und Politiker, und vor allem die Angehörigen der Toten. Die Loveparade sollte ein Höhepunkt sein für die Region, die diesjährige Kulturhauptstadt Europas. Vor einer Woche noch erlebte die Republik die friedliche Inbesitznahme des Ruhrschnellwegs A 40. Weit mehr als drei Millionen Menschen saßen dort, wo sonst die Autos rasen, mit Picknickkorb und Kultur. Platz war genug auf der 60 Kilometer langen Autobahn; wegen des großen Andrangs wurden dennoch mehrere Auffahrten gesperrt. Aus Sicherheitsgründen.

An Sicherheit hat in Duisburg offenbar kaum jemand gedacht. Obwohl vor zwei Jahren schon 1,6 Millionen Menschen in Dortmund feierten, hatte Duisburg im Vorfeld nur ein paar hunderttausend Partygäste erwartet – eine groteske Fehleinschätzung. Doch auch die hätten beim Veranstalter und dem Bürgermeister alle Alarmglocken läuten lassen müssen. Schon vor zwei Jahren kam es in Dortmund zu so massiven Störungen im Bahnverkehr, dass Bochum für 2009 die Loveparade einfach absagte. Gelernt hat man in Duisburg nicht daraus. Das Entsetzen in den Gesichtern der jungen Leute, die Angst in ihren Augen, zu sehen auf unmittelbar vor dem Unglück gemachten Fotos, sind eine brennende Anklage. Niemals hätte es eine Genehmigung für dieses Gelände geben dürfen. Das war eine Katastrophe mit Ansage. Ein Oberbürgermeister, der auch danach das Sicherheitskonzept noch „stichhaltig“ nennt, ist untragbar.

Die Loveparade, die 1989 als Happening mit 150 Menschen begann, hatte längst ihre Unschuld verloren. Auch schon vor 2006, als die Raver zum letzten Mal durch Berlin tanzten. Die nach dem Ausstieg der Gründer von einer Fitnesskette übernommene Parade ist nur noch Teil einer auswechselbaren Eventkultur – irgendwo zwischen Ballermann und Public Viewing. Sie ist vor allem aber ein Geschäft. So sehr, dass möglicherweise Interessen der Veranstalter die Verantwortlichen der Stadt bei den Genehmigungen für das Bahnhofsgelände „in die Enge getrieben haben“, wie es ein Polizeigewerkschafter ungewollt makaber formulierte. So sehr getrieben, dass frühe Warnungen beiseitegewischt wurden. Aber auch die Polizei muss beantworten, warum sie den Irrsinn erst zuließ und dann nicht stoppte.

In Berlin haben auf der Loveparade bis zu 1,5 Millionen Menschen getanzt. Auch in der Hauptstadt gab es Zwischenfälle – als etwa 1999 zwei Menschen niedergestochen wurden. Glimpflich lief auch der Brand eines U-Bahn-Zuges während der Parade ab, als Hunderte von Menschen in Panik durch den dunklen Tunnel flüchteten. Aber mit der breiten Schneise der Straße des 17. Juni, umgeben vom weitläufigen Tiergarten, hat die Hauptstadt mitten im Zentrum wie keine andere Stadt nahezu ideale Bedingungen. Das hat sich nicht zuletzt während der Fußball-Weltmeisterschaft gezeigt, als auf Deutschlands größter Fanmeile bis zu 400 000 Menschen ihr Team feierten.

Immer größer – darauf ist die Eventkultur angelegt, die sich mit Teilnehmerrekorden und dem Gefühl der Gemeinsamkeit inmitten einer unendlichen Masse berauscht wie an einer Partydroge. Immer gefährlicher, immer weniger kontrollierbar – das ist eine unausgesprochene Konsequenz. Vor allem, wenn totale Selbstüberschätzung der Macher und Profitinteressen dazutreten. Die Musik ging weiter in Duisburg, auch nach der Katastrophe. Aus Sicherheitsgründen, um Panik zu vermeiden, wie es anschließend hieß. Aber da waren 19 Menschen schon tot. Übrigens: „The Art of Love“ lautete das offizielle Motto.

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