Meinung : Lufthansa: Über den Wolken

Rainer Hank

Der Arbeitskampf der Piloten ist ein verrückter Streik. Da fordert eine kleine Gruppe gutbezahlter Führungskräfte Gehaltserhöhungen von durchschnittlich 35 Prozent. Bodenpersonal und Stewardessen mussten sich mit fünf Prozent zufrieden geben. Und während die Lufthansa vorrechnet, dass die Erfüllung der Forderung das Unternehmen rund 450 Millionen Euro zusätzlich kosten würde - mithin die Hälfte ihres erwarteten operativen Jahresergebnisses - avancierte die Aktie am Montag mitten im Streikchaos zum Gewinner im Dax.

Das sind noch gar nicht alle Verrücktheiten: Die Globalisierung schwäche die Macht der Gewerkschaften, sagt man. Das stimmt. Starke Gewerkschaften gibt es weltweit nur noch auf geschützten Märkten - und im öffentlichen Dienst. Müsste nicht die Luftfahrt, per definitionem eine globale Branche, von dieser Schwächung besonders betroffen sein? Doch das Gegenteil ist offenkundig der Fall. In allen Ländern der Welt nimmt die Streiklust der Piloten zu; und zumeist sind sie auch erfolgreich.

Kein Wunder, dass sich angesichts dieser verrückten Welt das Unverständnis der Menschen in Ärger und Neid verwandelt. Wer fliegen will, lässt sich ungern zur Bahnfahrt nötigen, selbst wenn sich die Zeitverzögerung im Rahmen hält. Und die Kolleginnen in der Kabine finden - bei allem Respekt vor dem Stress im Cockpit - ihren Job nicht so vergnüglich, dass sich daraus solche Ungleichheiten beim Gehalt rechtfertigten. Der Neid wird auch nur wenig gemindert, wenn die Lufthansa-Piloten - Jahresgehalt im 15. Dienstjahr rund 230 000 Mark - auf die Kollegen von Cathay Pacific zeigen, die im vergleichbaren Dienstalter das Zweieinhalbfache verdienen.

Indessen lässt sich für die Höhe des Gehalts noch am leichtesten eine Erklärung finden. Sie heißt: weltweite Knappheit. Oder, einfacher gesagt: Es gibt nicht gar so viele, die nach einer ausgesprochen langen und anspruchsvollen Ausbildung für den hohe Konzentration abverlangenden Job des Flugkapitäns in Frage kommen. Als Passagier legen wir auf solch strenge Auswahlkriterien auch wert. Denn noch nicht einmal dem abgebrühtesten Vielflieger ist der Lufttransport ganz geheuer. Das mag ein Grund dafür sein, warum der Zorn der Verspäteten am Freitag nicht kochte und warum sich in Umfragen Zustimmung und Ablehnung zum Streik die Waage halten.

Doch warum haben die Piloten so viel Macht? Weil der Luftverkehrsmarkt kein Markt wie jeder andere ist. Die Piloten können zur Durchsetzung ihrer Forderungen die Passagiere der Lufthansa in Geiselhaft nehmen. Stockt die Daimler-Produktion wegen Streik, kann man BMW kaufen. Wer von Frankfurt nach Berlin fliegen möchte, hat keine Ausweichmöglichkeit, denn die Strecke wird nur von der Lufthansa bedient. In Stuttgart ließe sich zwar theoretisch auf die Deutsche BA ausweichen, aber in der Praxis kaum an einem Freitag; da sind alle Flüge langfristig ausgebucht. Und Bahn fahren ist eben keine adäquate Alternative.

Weil die Piloten das alles wissen, ist Streik als Mittel der Einkommensverbesserung für sie so attraktiv. Sie könnten es auch anders machen: Abwandern zum Wettbewerber. So machen es Arbeitnehmer auf normalen Arbeitsmärkten. Wenn American Airlines fast doppelt so viel zahlt und Piloten knapp sind, müssten die Chancen für die Lufthanseaten gut stehen, dort geheuert zu werden. So ist es auch. Weil aber die Kunden der Lufthansa wenig Ausweichmöglichkeiten haben, haben die Piloten es nicht nötig abzuwandern, wenn sie unzufrieden sind.

Vor über 20 Jahren hat der Bundesgerichtshof deshalb aus ähnlichen Gründen einen Streik von Fluglotsen für sittenwidrig erklärt. So weit muss jetzt niemand gehen. Die Lufthansa ist kein Staatsunternehmen mehr, ein Flug-Monopol hat sie auch nicht. Die Dosierung des Streiks spricht zudem dafür, dass die Piloten ahnen, dass es ihnen wenig nützt, wenn sie ihren Arbeitgeber zu Grunde streiken. Die Börsen haben es eben wieder einmal früher und besser gewusst. Sie haben den Streik schon vor Wochen eingepreist. Seit gestern setzen sie auf die Tarifeinigung - und der Kurs der Aktie steigt.

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