Meinung : Mahnmal statt Machmal Von Peter von Becker

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Romani Rose ist ein bewundernswert hartnäckiger, in seiner Hartnäckigkeit bisweilen aber auch nervenaufreibender Mann. Jetzt hat der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland einmal mehr kategorisch Einspruch erhoben gegen den von allen Bundestagsparteien vorgeschlagenen Widmungstext für das nahe dem Reichstag geplante zweite HolocaustMahnmal. Es soll an alle Opfer erinnern, die „von den Nationalsozialisten in ihrem menschenverachtenden Rassenwahn als Zigeuner ermordet wurden“. Rose hält die Erwähnung des Wortes „Zigeuner“ für eine Beleidigung und besteht auf einem Zitat des früheren Bundespräsidenten Herzog, das nur von „Sinti und Roma“ spricht und ihre Ermordung mit dem Genozid an Europas Juden ausdrücklich gleichsetzt. Für diese Gleichsetzung – obwohl ideologiegeschichtlich der Differenzierung bedürftig – streitet Rose seit vielen Jahren. Als würden die 500 000 eigenen Toten nicht schon für sich sprechen; als könnte es eine Konkurrenz der Opfergruppen geben. Hier freilich fällt die auch von vielen Juden kritisierte Exklusivität der Widmung beim demnächst einzuweihenden Stelenfeld, dem ersten Berliner Holocaust-Mahnmal, auf die neuerliche Diskussion zurück. Es ist eine Diskussion der wechselseitigen Peinlichkeiten.

Doch wird es nicht unpeinlicher, wenn Geschichte und Kultur im Zuge der – gewiss wohlmeinenden – Political Correctness nachträglich purifiziert werden. Der Begriff „Zigeuner“ wurde von den Nazis missbraucht, aber nicht erfunden. Er stammt aus dem Mittelalter und ist im Englischen (gypsies), Französischen (gitans), Spanischen (gitanos) oder Ungarischen (cigány) ganz unumstritten gebräuchlich. Im Deutschen immer nur von Sinti und Roma und gar in der Einzahl von einem „Rom“ zu sprechen, hat oft genug etwas Krampfhaftes; und es führt zu ethnischen Fehlbezeichnungen, wenn Nachfahren der einst vom NS-Wahn Verfolgten gar nicht den Hauptgruppen der Sinti oder Roma angehören. Sie würden durch den von Rose favorisierten Widmungstext sogar ausgeschlossen. Stattdessen ließe sich das Wort „Zigeuner“ durchaus auch gegen den Nazijargon verwenden: mit Blick auf die musikalischen und literarischen Traditionen, die sich nicht im „Zigeunerbaron“ oder in Bizets und Mérimées „Carmen“ erschöpfen. Was aber keinesfalls geht: Die Opfer im Streit mit sich allein und die Widmung des Denkmals blank zu lassen, wie es Kulturstaatsministerin Christina Weiss sichtlich genervt erwägt. Dann wäre das Mahnmal nur noch ein Machmal. Ohne Würde und Sinn.

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