Mali und Syrien : Realpolitik auf dem Vormarsch

Man kann es empörend finden, dass die Welt die Mission Frankreichs in Afrika billigt und unterstützt, aber Syrien sich selbst überlässt. Unser Autor Albrecht Meier findet es dennoch richtig, dass sich Frankreichs Präsident Hollande zum Eingreifen entschlossen hat.

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Französische Soldaten in Mali
Französische Soldaten in MaliFoto: dpa

Es herrscht Krieg draußen vor der Tür Europas. In Damaskus, rund vier Flugstunden von Berlin entfernt, befiehlt ein mörderisches Regime die Ermordung des eigenen Volkes. In Mali, auf der anderen Seite des geografischen Halbbogens südlich des Mittelmeers, drohen Islamisten eine neue Terrorhochburg zu errichten. Rührt uns einer der beiden Konflikte mehr an?

Nicht erst angesichts der jüngsten Nachrichten aus den syrischen Städten Aleppo und Homs, wo abermals Dutzende Zivilisten getötet wurden, liegt die Antwort wohl auf der Hand: Vor allem die Unterdrückung der syrischen Opposition, mit der sich die internationale Gemeinschaft seit knapp zwei Jahren abzufinden scheint, schreit nach einer Intervention.

Gemessen an diesem Bürgerkrieg sind die Umtriebe von mehreren hundert Dschihadisten in Mali ein vergleichsweise kleines Problem. Und doch war es richtig, dass Frankreichs Präsident François Hollande sich zum Eingreifen in Mali entschlossen hat.

Man mag es zynisch nennen, wenn die übrigen Staaten – insbesondere die Europäer – dem Morden Assads weitgehend tatenlos zusehen, aber den Vorstoß französischer Panzer unterstützen. Assad hat mächtige Verbündete in Moskau und Peking, die ein Eingreifen der Weltgemeinschaft verhindern. Zudem besteht dort die Gefahr eines internationalen Krieges, sollte der Westen intervenieren.

In Mali ist es anders: Hollandes Einsatz in einer Region, in der sich die Franzosen ohnehin militärisch auskennen, erscheint trotz des Gegenschlages der Islamisten in Algerien vergleichsweise risikolos. Aus der Sicht des Präsidenten lenkt die Mission günstigerweise auch ein wenig von der größten gegenwärtigen Sorge der Franzosen ab, der hohen Arbeitslosigkeit.

Die Krise in Mali in Bildern
Ein Handout der französischen Armee, zur Verfügung gestellt vom French Army Communications Audiovisual office (ECPAD), zeigt einen französischen und einen malischen Soldaten im Gespräch, während der Militäroperation "Serval" in Diabali, Mali.Weitere Bilder anzeigen
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24.01.2013 15:12Ein Handout der französischen Armee, zur Verfügung gestellt vom French Army Communications Audiovisual office (ECPAD), zeigt einen...

Und die übrigen EU-Staaten spenden Hollande freundlich Beifall. Sie wollen es sich nicht mit ihm verderben, aber allzu viel wollen sie zu seinem Einsatz auch nicht beisteuern. Die Entsendung von Ausbildern, die wegen der gegenwärtigen Kämpfe nördlich der malischen Hauptstadt Bamako derzeit gar nicht gebraucht werden, dient gewissermaßen als militärisches Feigenblatt.

Man kann es empörend finden, dass die Welt die Mission Frankreichs in Afrika billigt und unterstützt, aber Syrien sich selbst überlässt. Aber auch wenn die Staatengemeinschaft in den beiden Fällen einen ungleichen Maßstab anlegt, wird die Mali-Mission damit noch nicht entwertet. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als der gesamte malische Staat in die Hände von Dschihadisten zu fallen drohte, war der Moment zum Handeln gekommen.

Seit Jahrzehnten terrorisieren Islamisten die Bevölkerung Nordafrikas. Wenn es ihnen nun gelungen wäre, eine schwer einnehmbare Basis in Mali einzurichten und von dort aus die ganze Region mit Angriffen zu überziehen, wäre das für Terrorgruppen wie die „Al Qaida im Islamischen Maghreb“ ein entscheidender Etappensieg gewesen. Und für Europa eine weitere Bedrohung.

Für den Einsatz in Mali spricht zudem, dass die vor allem aus anderen Ländern kommenden Islamisten dort weniger Rückhalt in der Bevölkerung finden als die Taliban in Afghanistan – Hollandes Einsatz könnte also tatsächlich relativ bald zum Erfolg führen.

Vielleicht hat Hollandes Entscheidung, mit Soldaten gegen die Islamisten in Mali vorzugehen, die Weltgemeinschaft bei der Diskussion über gemeinsame Maßstäbe für Militärinterventionen nicht weitergebracht. Aber sie ist in jedem Fall ein Beispiel für interessengeleitete Realpolitik – und zwar im Guten.

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