Matthias Kalle über Thomas Hitzlsperger : Wie man richtig Mut zeigt

In dieser Woche scheint es in den Medien um nichts anderes als um mutige Menschen zu gehen, stellt unser Kolumnist fest. Doch nicht alle der genannten Personen sind wirklich ein Wagnis wie Thomas Hitzlsperger eingegangen.

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Unser Kolumnist Matthias Kalle.
Unser Kolumnist Matthias Kalle.Foto: Privat

Diesmal geht es um Mut, und auch für mich kommt dieses Thema etwas überraschend, aber nach dieser Woche scheint es nicht anders zu gehen. Zu Thomas Hitzlsperger komme ich später.

Im aktuellen „Spiegel“ steht ein kleines Interview mit Carolin Kebekus. Weiß der Teufel, warum der „Spiegel“ die überhaupt interviewen muss, aber in dieser Ausgabe gibt es ja auch ein vierseitiges Porträt über Silvie van der Vaart, die so gerne wieder Meis heißen würde. Noch geht es übrigens, Sie ahnen es, nicht um Mut.

Ich hatte vor einigen Monaten schon einmal über Carolin Kebekus geschrieben, die im deutschen Fernsehen unter „Komikerin“ geführt wird, was leider sehr viel über das deutsche Fernsehen aussagt, und natürlich nichts über Carolin Kebekus, die vielleicht sehr viele Talente hat – lustig sein gehört nicht dazu. Aber: Es soll ja nicht um Humor gehen, sondern um Mut, und in dem kurzen Gespräch, dass jemand vom „Spiegel“ mit Kebekus geführt hat, geht es – so steht es in der Unterzeile – um „die Angst der TV-Sender“. Wenn auf der einen Seite jemand Angst hat, dann muss auf der anderen Seite jemand mutig sein. Kebekus drehte vergangenes Jahr ein Video, in dem sie als Nonne verkleidet ein Kruzifix ableckt, und das der WDR nicht zeigen wollte.

Zu schlecht - selbst für das deutsche Fernsehen

Selbst wenn Kebekus nicht als Nonne verkleidet ein Kruzifix abgelegt hätte, sollte kein Sender das Video zeigen, es ist zu schlecht, selbst für das deutsche Fernsehen. Kebekus aber spricht in dem Interview immer noch von „Zensur“ und behauptet, dass nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender Angst hätten, sondern auch die privaten. Wovor genau, sagt Kebekus nicht, man muss aber davon ausgehen, dass sie meint, dass Fernsehsender Angst vor ihrem Mut hätten, der „Spiegel“ unterstützt die Frau in dieser irren Annahme, in dem er das Gespräch so beginnt: „Sie haben mehrfach durch kirchenkritische Satire Aufsehen erregt.“ Nun ja. Wer hat das nicht?

Kirchenkritische Satire - eines der ältesten Genres des Humors

Die ersten Witze über die Kirche wurden bereits gemacht, als es die Kirche noch gar nicht gab – „kirchenkritische Satire“ gehört zu den ältesten Genres des Humors, in der Vergangenheit gab es sogar ein paar gute Gags, sie kamen dann zum Beispiel von Josef Hader oder von „Titanic“. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass Hader oder die „Titanic“-Redaktion jemals mit dieser Leistung hausieren gegangen wären. Und ich glaube, ich weiß auch, warum sie das nicht tun: Am Sonntag stand im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein hervorragendes Gespräch, das Johanna Adorján mit dem Dramatiker René Pollesch führte, und jede Frage und jede Antwort war entweder klug oder witzig, meistens beides. Und einmal sagte Pollesch: „Mir hat mal auf Facebook eine Frau vorgeworfen, dass ich mich da nicht politisch äußern würde, ich müsste doch auf das reagieren, was gerade in der Welt los ist, und nicht immer nur witzig... Und da hab ich mir ihre Seite angeguckt – und zu allem hatte sie was zu sagen, sie hätte auch Asyl für Snowden unterschrieben...“ Auf die Frage, ob er so etwas nicht unterschreiben würde, sagt Pollesch: „Asyl für Snowden hat man versucht mir schmackhaft zu machen mit dieser berühmten „Stern“-Ausgabe, in der prominente Frauen auf dem Titel bekannten: Ich habe abgetrieben. Ja, gut, dachte ich: Das hat die Frauen damals was gekostet, da mitzumachen. Das war echt ein Outing, das war nicht ohne. Hier jetzt das kostet gar nichts.“ Und dann äußert er sich noch zu der hochgelobten „GQ“-Kamapagne, bei der sich heterosexuelle Männer küssen um gegen Homophobie zu demonstrieren: „Und diese Heteros stehen da und küssen sich und sagen damit: Ich bin nicht schwul. Das ist so mein Problem mit Repräsentation mit Fürsprechertum. Das ist natürlich der Versuch, Empathie zu zeigen – aber man zeigt gleichzeitig auch auf die und grenzt sich von denen ab.“

Und dann kam Thomas Hitzlsperger. Und es hat ihn etwas gekostet. Und das war mutig und es war auch noch klug, weil er nämlich sagte, einfach so, er habe erkannt, dass er lieber mit Männern lebt als mit Frauen. Einfach so. Und nicht anders.

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