Meinung : Matthies meint: Das Gute trägt Sack

Die Großdemonstration am Donnerstag ist hier bereits in jeder denkbaren Hinsicht gewürdigt worden, nur in einer nicht: Warum war es eigentlich so verdammt eng? Wegen der vielen Menschen natürlich. Aber reicht das als Erklärung aus für das Gedränge vor dem Tor und das Chaos in der Oranienburger Straße? "Das Gute lebt!" titelte die "BZ"; wir ergänzen: Und es trägt Rucksack. Immer. Überall. Und lässt niemanden mehr an sich vorbei. Ist ja ganz sympathisch: Kann sich jemand einen bösen, antisemitischen Glatzkopf vorstellen, der den Knüppel den ganzen Tag im Sack trägt? Dennoch sind einige Fragen unumgänglich. Wir sehen ein, dass es seit dem Tod der Aktentasche keinen anderen Weg gibt, Lateinbuch, Kindermilchschnitte und Federtasche mit sich zu führen. Doch das betrifft Schüler. Über den Inhalt der Rucksäcke, mit denen Zehntausende von gereiften Guten am Donnerstag abend praktisch jeden Durchgang versperrten, können wir nur spekulieren: Die politisch korrekte Handbibliothek für alle Fälle, Derrida, Grass, Hera Lind? Die fast fertige Diplomarbeit in stochastischer Hermeneutik? Und es wird noch schlimmer. In der U-Bahn nehmen die Fahrräder inzwischen mehr Platz weg als die Fahrgäste. Das könnte ein Vorbild sein, nicht wahr? Am Donnerstag stand schon einer mitten im Gewühl vor der Bühne, klammerte sich an seinen Drahtesel und rief unentwegt: "Hier steht ein Fahrrad!" Und einen Rucksack hatte er auch noch dabei.

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