MEIN Blick : Ohne gemeinsame Geschichtspolitik

Der Blick auf die Vertreibung bleibt unterschiedlich.

Alexander Gauland

Man hätte es sich denken können. Mit der Nominierung der Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach für den Beirat der geplanten Erinnerungsstätte „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sind die Bemühungen um eine einvernehmliche Geschichtspolitik mit unseren östlichen Nachbarn, den Polen und Tschechen, wieder an ihren Ausgangspunkt zurückgekehrt.

Dabei ist Frau Steinbach nur ein Symbol, der Anlass für die unterschiedliche Betrachtungsweise in Deutschland und Polen. Denn während sich bei uns – dank Grass und anderer – die Einsicht durchzusetzen beginnt, dass die Vertreibungen trotz der nationalsozialistischen Verbrechen falsch und ein Unrecht waren, da sie viele Menschen betrafen, die Hitler weder gewählt noch gewollt hatten, geschweige denn Auschwitz und die Folgen, herrscht in Polen das Gefühl von einer gerechten Strafe für eine kollektive deutsche Schuld vor. Vertreibung, so die polnische Sicht, ist Wiedergutmachung für ein nationales an den Polen verübtes Unrecht, also eine Gesamthaftung, aus der der Einzelne, auch wo er unschuldig ist, nicht austreten kann, und der deshalb auch kein Unrechtscharakter anhaftet.

Die deutsche Sicht auf unsere gemeinsame Geschichte ist heute eine postmateriell-individualistische, die polnische noch immer eine kollektiv-nationale. Das Beharren auf einem Vertriebenenstatus, ja schon das Benennen der damaligen Vorgänge als Vertreibung und damit einer vermeintlichen polnischen Schuld, gerät so unversehens in die Nähe der Leugnung des Holocausts, wie die Äußerung des sonst vernünftig argumentierenden ehemaligen Außenministers Bartoszewski belegt, der die Entsendung Steinbachs in den Beirat mit einer Ernennung des Holocaust-Leugners Williamson zum Beauftragten des Vatikan für die Beziehungen zu Israel vergleicht.

Da Geschichtspolitik in diesem Land keine Lobby hat, wird diese oder die nächste deutsche Regierung den polnischen Wünschen wohl nachgeben – die Sozialdemokraten und ihre Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten tun es bereits heute – und die Vertriebenen mit ihrer Präsidentin als Stein des Anstoßes offizieller Aussöhnung aus dem Wege räumen. Aussöhnung ist das allerdings nicht, allenfalls Vergessen, Verschweigen und Verdrängen. Ehrlicher wäre es, die unvereinbaren Positionen zu benennen, also auch die, dass Vertreibung neues Unrecht und folglich niemals Wiedergutmachung sein kann, und auf eine gemeinsame Geschichtspolitik zu verzichten.

Doch in einem geschichtslosen Land ist es allemal leichter, die Position der anderen Seite zu übernehmen, als Gegensätze unversöhnt den kommenden Generationen zu überlassen, die vielleicht einmal unbefangener dem schwierigen Verhältnis zwischen Deutschen und Polen in den letzten 250 Jahren gegenübertreten können. Natürlich werden die polnischen Teilungen auch dann nicht von den Vertreibungen aufgewogen, aber die Vertreibungen eben auch nicht durch die vorausgegangenen Teilungen legitimiert.

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