• MEIN Blick: Geschichte lässt sich nicht säubern Die Umbenennung von Straßen ist falsch

MEIN Blick : Geschichte lässt sich nicht säubern Die Umbenennung von Straßen ist falsch

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Nun hat es also Heinrich von Treitschke erwischt, den sächsischen Sänger preußisch-deutscher Geschichtsmetaphysik. Heidelberg möchte ihm den Straßennamen entziehen, den eine Straße im Universitätsviertel dort seit einhundert Jahren trägt. Stein des Anstoßes ist sein Urteil: Die Juden sind unser Unglück.

Nun will ich keinesfalls eine Lanze für diesen deutschnationalen Geschichtsmystagogen brechen, dessen deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert schon immer höchst angreifbar war. Bloß, wo kämen wir hin, wenn wir die historische Erinnerung aller entsorgen wollten, die vor Auschwitz ein paar unpassende Bemerkungen über Juden oder das Jüdischsein gemacht haben. Karl-Marx-Straßen dürfte es dann keine mehr geben, so wenig wie Martin-Luther- Straßen. Auch Bismarck und Thomas Mann hätten aus unseren Stadtbildern zu verschwinden. Und selbst der ermordete Jude und republikanische Reichsaußenminister Walter Rathenau müsste sofort entsorgt werden. Sein „Höre Israel“ war selbst dem gewohnheitsmäßigen bürgerlichen Salonantisemitismus des Kaiserreiches zu viel. Dabei gilt das keineswegs nur für die deutsche historische Erinnerung. Der britische Premier Disraeli, selbst getaufter Jude, hat so Unfreundliches über seine ehemaligen Glaubensgenossen von sich gegeben wie der von Heinrich Heine für die Auflösung der Ghettos gepriesene Napoleon Bonaparte.

Historische Erinnerung ist kein nachträglich gesäubertes und nach heutigen Maßstäben politisch korrekt zugerichtetes Gedenken à la Walhalla, sondern es soll an Menschen mit ihren Irrtümern und Fehlern erinnern. Wir erinnern uns ihrer nicht deshalb, weil sie nie gefehlt hätten, sondern weil das Ganze, die historische Bilanz erinnerungswürdig ist. Und da bleiben eben Reformation und Bibelübersetzung bei Martin Luther, das „Kommunistische Manifest“ und „Das Kapital“ bei Karl Marx, die Reichseinigung bei Bismarck und Rapallo bei Rathenau. Sie lassen uns Irrtümer wie Bismarcks Sozialistengesetz oder Luthers Bauernbeschimpfung zwar nicht übersehen, aber eben doch vergeben. Schließlich dürfte es auch schwerfallen, deutsche Geschichte ohne Luther und Marx, ohne Bismarck und Rathenau zu erinnern.

Und selbst Henning von Tresckow, dessen Paraphe als Generalstabsoffizier sich auf Zugbegleitdokumenten nach Auschwitz befindet, hat Erinnerung und Straßennamen durch sein mutiges Handeln gegen Hitler mehr als verdient. Wenn man also in einer Universitätsstadt die einhundertjährige Erinnerung an einen Historiker auslöschen möchte, was die Römer einst damnatio memoriae nannten, sollte die Begründung umfassend und belastbar sein. Ein paar missliebige Sätze, die auch auf viele andere zutreffen, reichen dafür nicht aus. Das gilt umso mehr, als überall im Osten Wilhelm-Pieck- und Ernst -Thälmann- Straßen noch weit weniger moralische Berechtigung haben als der unselige Heinrich von Treitschke.

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