Merkel in Dachau : Weil es ihr wert ist

Es ist grotesk, wenn nicht gar infam, Merkels Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau als Wahlkampfmanöver zu diskreditieren

Malte Lehming

Die Deutschen sind keine Antisemiten. Allerdings finden manche, dass zu viel über die Verbrechen der Nazis geredet wird. Auf einigen Schulhöfen gilt „du Jude“ als Schimpfwort. Über Israel meint eine Mehrheit, es bedrohe den Weltfrieden. Ein antisemitisches Gedicht von Günter Grass erntet auch Applaus. Folglich tut ein Politiker, der populär sein will, gut daran, sich nicht allzu offen fürs Gedenken, für jüdische Belange oder den Staat Israel auszusprechen. Angela Merkel ist in dieser Beziehung seit jeher eine Ausnahme. Für ihren Satz, dass das Existenzrecht Israels ein Teil der deutschen Staatsräson sei, wird sie heftig kritisiert. Doch bei diesem Thema wankt sie nicht. Ihre Überzeugung ist ihr wichtiger als Zustimmungsquoten. Das lässt sich durchaus honorig nennen. Und deshalb ist es grotesk, wenn nicht gar infam, ihren Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau als Wahlkampfmanöver zu diskreditieren. Im Anschluss daran wollte sie eine Wahlkampfrede in einem Bierzelt halten. Na und? Seit wann knüpft sich die Lauterkeit des Gedenkens an anschließende Terminaskese? Aber auf Stimmenfang mit Vergangenheitsbewältigung? Das funktioniert in Deutschland nicht. Eher lässt sich ein gegenteiliger Reflex konstatieren: Helmut Schmidt wurde als Kanzler immer dann besonders verehrt, wenn er Krach mit Menachem Begin hatte.

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