Merkel und der Krieg : Zur Sache, zur Wahrheit

Offenbar entlädt sich im "Fall Kundus" die tiefe Skepsis der Bevölkerung über den Sinn des gesamten Krieges. Das erklärt die kaum noch steuerbare Eigendynamik der Diskussion, die wiederum das allgemeine Unbehagen verstärkt. Die Kanzlerin müsste diesen Teufelskreis durchbrechen. Doch ist sie selbst ein Teil der unheilvollen Entwicklung.

Malte Lehming

Das könnte interessant werden. Zur nächsten Sendung von „Wetten, dass …?“ hat Thomas Gottschalk drei kriegsversehrte Bundeswehrsoldaten eingeladen, die in Afghanistan Opfer von Sprengstoffanschlägen der Taliban geworden waren. Sie sollen von ihrem Einsatz in Kundus erzählen, von den Strapazen, ihren Ängsten und Hoffnungen. Dieser seltsam anonyme, fast aseptische Krieg, dessen Realitäten „allzu oft verschwiegen“ wurden, wie selbst Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg jetzt einräumt, soll dadurch Gesichter bekommen. Schließlich ist Krieg am Hindukusch. Und wir – das sind nicht allein die vom Volk gewählten Vertreter –, die wir die jungen Menschen dorthin geschickt haben, schulden ihnen Respekt und Dank. Auch öffentlich.

Alles in diesem Absatz ist richtig – bis auf den Anfang, die Einladung der drei Soldaten zu „Wetten, dass …?“. Statt dessen geschieht das Gegenteil. Hyperintensiv wird in Deutschland nicht, wie in anderen Ländern üblich, über das schwere Los der entsandten Soldaten debattiert, sondern über das mögliche Fehlverhalten eines einzelnen Oberst vor Ort im Eifer des Gefechts und über Dutzende von Wer-hat-wann-was-gewusst-Fragen. Empörung statt Empathie. Offenbar entlädt sich im „Fall Kundus“ die tiefe Skepsis der Bevölkerung über den Sinn des gesamten Krieges. Das erklärt die kaum noch steuerbare Eigendynamik der Diskussion, die wiederum das allgemeine Unbehagen verstärkt. Und keiner weit und breit ist da, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Eine könnte es, müsste es. Doch ist sie selbst ein Teil der unheilvollen Entwicklung: die Kanzlerin. Zwar gilt auch in der Politik das Straßenverkehrsmotto „Vorsicht ist keine Feigheit, Leichtsinn ist kein Mut“, aber wenn es um Leben und Tod geht, um Frieden und Krieg, dann ist verschämtes Aussitzen unangebracht. Niemand verlangt von Angela Merkel die Sarkozy-Impulsivität, das Schröder-Basta oder die Obama-Rhetorik. Nur klar, offen und überzeugend soll sie sein, um dadurch dem verunsicherten Volk in dieser wahrlich schicksalhaften Angelegenheit ein Stück Halt und Orientierung zu geben.

Das gilt um so mehr, als Merkel erheblich zur Malaise beigetragen hat. Sie war es, die aus Proporz- und Stabilitätsgründen den offenkundig überforderten Verteidigungsminister Franz Josef Jung eine volle Legislatur lang im Amt belassen hatte. Sie war es, die aus Angst vor der Stimmung im Volk das Thema Afghanistan mied und es bis heute vermeidet, die nun von Guttenberg angemahnten Realitäten in diesem Krieg zu benennen. Das alles zeugt von ihrem persönlichen Regierungsstil – und der fällt nun auf sie zurück. Das System Merkel beginnt, sich an seiner Begründerin zu rächen.

Dabei ist dies die wohl größte Herausforderung ihrer bisherigen Amtszeit. Von jenseits des Atlantiks bittet der US-Präsident und Friedensnobelpreisträger händeringend darum, ihn in der womöglich entscheidenden Phase des Afghanistankriegs nicht allein zu lassen, ihm weitere Truppen nicht zu verwehren. Schlüge ihm Merkel wegen der nervösen Aufregung in Deutschland diese Bitte nun ab, wäre das mehr als bitter. Es wäre ein Armutszeugnis. Der politisch unreifen Zeit der Scheckbuchdiplomatie sollte das Land entwachsen sein. Eine Rückkehr dahin wäre ein Rückfall in die Pubertät. Zur Wahrheit mündig: Die Deutschen sind es vielleicht in einem höheren Maße als die sie Regierenden. Beide Seiten wissen es bloß noch nicht.

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