Meinung : Milchpulver oder Milzbrand

Die Waffeninspektionen scheiterten nicht technisch, sondern politisch/ Von Alexander S. Kekulé

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WAS WISSEN SCHAFFT

Nach wochenlangen Ankündigungen war es gestern soweit: Der britische Premier Tony Blair legte das Geheimdienst-Dossier über die Produktion von Massenvernichtungswaffen im Irak vor. Wer sich jedoch gruselige Schilderungen von Nervengasfabriken, versteckten Atomanlagen oder Milzbrand-Laboren erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Zwar ist – wenig überraschend – davon die Rede, dass Saddam „militärische Pläne“ für atomare, biologische und chemische Waffen habe. Außerdem hätte der Irak seit Beendigung der UN-Inspektionen im Dezember 1998 weiterhin „chemische und biologische Agenzien“ produziert. Schlüssige Hinweise oder gar Beweise für diese Behauptungen bleibt das Papier jedoch schuldig. Statt dessen werden die aus dem Anfang September vorgelegten Bericht des „International Institute for Strategic Studies“ bereits bekannten Puzzlesteine noch einmal fein säuberlich zusammengelegt – ein schlüssiges Bild, oder gar ein Grund für einen Präventivschlag gegen den Irak, ergibt sich daraus nach wie vor nicht.

Das dürfte Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die lieber Saddams Angebot für neue, „bedingungslose“ Inspektionen annehmen wollen, statt den Wüstenstaat zu bombardieren. Die US-Regierung bezweifelt jedoch, dass UN-Inspekteure die vermuteten Anlagen zur Produktion von Massenvernichtungswaffen überhaupt aufspüren könnten. Zwar hat die „United Nations Special Commission“ (Unscom), gemeinsam mit der UN-Atombehörde IAEA, seit dem Ende des Golfkriegs 1991 einige Dutzend Langstreckenraketen und Gefechtsköpfe, 690 Tonnen chemische Kampfstoffe, diverse nukleare Anlagen und eine Biowaffenfabrik aufgespürt und zerstört. Trotzdem sind der Unscom mehrere dicke Fische durch die Lappen gegangen: Die an der Nase herumgeführten Spezialisten übersahen beispielsweise, dass der Irak jahrelang das besonders gefährliche Kampfgas VX hergestellt und sogar Gefechtsköpfe damit beladen hatte. Auch sein umfangreiches Biowaffenprogramm konnte der Schurkenstaat vor den Inspekteuren verstecken – es flog erst auf, als der Saddam-Vetter Hussein Kamel 1995 überlief und auspackte.

Rein technisch gesehen ist eine Kontrolle von atomaren, biologischen und chemischen Waffen möglich. Um das für den Bau von Atombomben benötigte „hochangereicherte“ Uran herzustellen, muss tonnenweise Natururan in Uranhexafluorid umgesetzt werden. Dann wird aus diesem stark ätzenden und radioaktiven Gas mittels mehrerer hundert Spezialzentrifugen der winzige Anteil von spaltbarem Material extrahiert – die dafür erforderlichen Großanlagen könnte der Irak weder selbst bauen noch vor Aufklärungssatelliten und Inspekteuren verstecken. Der Beweis biologischer und chemischer Waffen ist schwieriger: Erstens sind deren technologische Voraussetzungen im Irak vorhanden. Zweitens stehen die meisten benötigten Geräte auf keiner Exportliste, da sie auch für friedliche Zwecke genutzt werden. Das Auffinden solcher „dual use“ Anlagen – etwa zur Herstellung von Milchpulver und Anthrax – ist deshalb die wichtigste Aufgabe der Inspektionen vor Ort. Unter regelmäßiger und konsequenter UN-Inspektion könnte Saddam höchstens einige kleine, möglicherweise transportable Produktionsanlagen versteckt halten. Die dort herstellbaren Mengen wären jedoch für militärische Zwecke nicht brauchbar, zumal Irak die Technologie für die wirksame Verbreitung dieser Kampfstoffe fehlt. Davon abgesehen lässt sich die Herstellung kleiner Mengen biologischer oder chemischer Kampfstoffe nirgendwo sicher verhindern: weder im Hindukusch noch in Nordkorea – und auch nicht in den USA.

Es waren deshalb nicht technische, sondern politische Gründe, an denen die Unscom gescheitert ist. Die – anfangs erfolgreichen – Überraschungsbesuche wurden durch geschicktes Taktieren Saddams mit der UN vereitelt. Beispielsweise durften „presidential areas“ des Diktators nur nach Vorankündigung inspiziert werden. Die Inspekteure wurden nie fündig – dafür zeigten Satellitenfotos riesige LKW-Konvois, die vor den Besuchen das Areal verließen. Das alles spricht dafür, den Druck auf Irak zu erhöhen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg. Foto: J. Peyer

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