Meinung : Mit der Kraft der zwei Herzen

Unser Gesundheitswesen kann nur mit Mensch- und Wirtschaftlichkeit überleben

Cordula Eubel

Die Gesundheit darf nicht zur ökonomischen Ware verkommen, warnt Bundespräsident Johannes Rau. Bei den Ärzte-Lobbyisten erntet er dafür warmen Applaus. Die Mediziner warnen schon lange vor einer Kommerzialisierung des Gesundheitswesens, die den Krankenschein in den Vordergrund rücke, den kranken Menschen aber vernachlässige.

Nur: Auch wenn in der Gesundheitspolitik häufig über Geld diskutiert wird, ist das deutsche Gesundheitswesen weit davon entfernt, die Menschen aus den Augen zu verlieren. Für die Deutschen ist Gesundheit ein hohes Gut, nicht nur eine Ware, deren Preis immer wieder neu verhandelt werden muss. Daran ändert die Diskussion um die Gesundheitsreform nichts – auch wenn darüber gestritten werden muss, zu welchen Kosten geholfen und geheilt werden kann.

Erst jetzt, wo der Gesundheitsreparaturbetrieb nicht mehr alles selbstverständlich und sofort leistet, rückt der tatsächliche Wert der Gesundheit wieder ins Zentrum. Wer ernsthaft krank wird, muss in Deutschland nicht fürchten, nur als Kostenfaktor betrachtet zu werden. Kranke und schwerkranke Patienten machen in aller Regel die Erfahrung, dass sie medizinisch und menschlich gut betreut werden, unabhängig von ihrem Einkommen.

Dass aber diejenigen, die das Gesundheits- und Versicherungssystem nach dem Prinzip Leistung und Gegenleistung bewerten, sich jetzt beschweren, hat nichts mit einer vermeintlich verwerflichen Ökonomisierung zu tun. Sondern vielmehr damit, dass im deutschen Gesundheitssystem kein Platz mehr ist für falsches Anspruchsdenken.

Dasselbe gilt für die Ärzte. Vielleicht war in den 70ern oder 80ern ein Medizinstudium noch die Garantie für ein gutes – zum Teil sehr gutes – Einkommen. Heute hat sich das gründlich geändert: Wer heute Arzt wird, wird es in der Regel, weil er etwas für kranke Menschen tun will. Auf Nachwuchsärzte warten harte Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern mit unbezahlten Überstunden – keine üppigen Honorare. Die Wahrheit ist: Das deutsche Gesundheitswesen ist menschlich. Deshalb muss es und darf es aber nicht frei von Ökonomie, von wirtschaftlichen Zwängen sein. Wer das für nötig hält, gibt sich nicht nur einer Illusion hin. Er würde vielleicht dafür sorgen, dass die medizinische Versorgung komfortabler und umfassender würde – aber nicht dafür, dass die Menschen gesunder würden. Nur dann, wenn die Versicherten einen Anreiz haben, sich vernünftig zu verhalten, bleiben sie auch gesund. Und nur dann, wenn ein Medizinstudium nicht automatisch die Lizenz zum Reichwerden mit sich bringt, werden diejenigen Arzt, die tatsächlich einen Beruf daraus machen wollen.

Die finanziellen Ressourcen sind begrenzt. Das führt zu Verteilungskämpfen – zwischen Ärzten, Pflegern, Kassen, Apothekern, Industrie und Versicherten. Solche Verteilungskämpfe fallen in Krisenzeiten, in denen den Krankenkassen die Einnahmen durch die hohe Arbeitslosigkeit wegbrechen, schärfer aus als in guten Zeiten. Doch das hat bisher nicht dazu heführt, dass Patienten eine nötige Behandlung verweigert worden wäre.

Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen heißt nicht, dass ein 70-Jähriger keine Herzoperation mehr bezahlt bekommt. Sondern dass man wieder lernt, zwischen dem Wünschenswerten und dem Notwendigen zu unterscheiden. Dieser Lernprozess kann nicht schnell genug vorankommen.

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