Meinung : Mit ein paar Dollar

Die „Produktivität der Gewalt“ vom 11. September: Die Folgen der Anschläge waren enorm

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Nichts wird so sein wie früher“, war die Binse, die nach 9/11 locker über die Lippen glitt und dem Sprecher weisen Vorausblick bescheinigte. Doch diesmal sollten die Pop-Propheten recht behalten. Dieser Terroranschlag, von drei Handvoll Männern zum Discount-Preis von 50 000 Dollar organisiert, hat die Welt tatsächlich aus den Angeln gehoben: wirtschaftlich, strategisch, psychisch, innenpolitisch.

Wie das? Beginnen wir mit dem Ökonomischen. Allein in den USA und in der EU fliegen jährlich je 800 Millionen Menschen kreuz und quer, also insgesamt 1,6 Milliarden. Rechnen wir eine halbe Stunde extra für die Sicherheitskontrollen, um sie mit einem Stundenlohn von 10 Euro zu multiplizieren. So kommt eine „Transaktionssteuer“ von acht Milliarden Euro pro Jahr zustande. Den Betrag verdoppeln wir, um den Rest der Welt mitzuzählen: 16 Milliarden Euro. Das ist nur die Spitze des Kostenberges. Rechnen wir hinzu: Sicherheitspersonal auf 14 000 Flughäfen rund um die Welt, Scanner, Schleusen, TV-Kameras. Dann die Überwachung des Welthandels (im Wert von 25 Billionen Dollar pro Jahr) in Häfen, Flughäfen, an Landübergängen – und zwar zusätzlich, zum Beispiel die US-Beamten, die im Hamburger Hafen Container Richtung Ostküste überprüfen. Das dürfte ebenfalls doppelstellige Milliarden kosten.

Ein simples Beispiel: Vor 9/11 gingen wir hier ins nächste US-Konsulat, um das Besucher- oder Studentenvisum abzuholen – eine Viertelstunde. Heute muss sich ein Tourist in ESTA einloggen und peinliche Fragen beantworten („Schon mal ein Inguinal-Granulom gehabt?“). Bleibt er im Netz hängen, muss er zum Interview, aber das geht nur in Frankfurt oder Berlin. Dort warten allerdings schon Tausende von Arbeitserlaubniskandidaten und Studenten, die sich grundsätzlich zeigen müssen. Wochen vergehen. Time is money, sagt der Amerikaner. In Brasilien oder Russland dauert’s noch länger.

Und an der Heimatfront? Im Westen ist ein gewaltiger Überwachungsapparat entstanden – von den TV-Kameras in den Stadtzentren zu den Heeren neuer Sicherheitsbeauftragter, vom schlichten Polizisten bis zum Geheimdienstler. In Amerika ist eine ganz neue Bürokratie entstanden: Homeland Security mit einem Budget von 55 Milliarden Dollar. Aber auch privat läuft es gut für die Sicherheitsindustrie: Heute kann niemand ein Bürohaus in New York betreten, ohne nicht vorher durchgecheckt worden zu sein.

All das verdanken wir 19 jungen Männern mit einem so mächtigen Waffenarsenal wie Teppichmessern. Dazu den „Patriot Act“ in den USA, der eine ganze Reihe jener geheiligten Rechte aushebelt, die Amerika zum „Land of the Free“ machten, wie es in der Nationalhymne heißt. Nichtbürger können auf unbestimmte Zeit festgehalten werden. Abhöraktionen und Hausdurchsuchungen kann der FBI weitgehend auf eigene Faust durchführen. Die CIA, öffentlich kaum kontrolliert, darf seitdem auch im Inland operieren. So hatten sich das die „Gründerväter“ nicht vorgestellt.

Hinzu kommt die Angst. Der lockere Umgang, der einst Amerika auszeichnete, ist verkrampftem Misstrauen gewichen. Den Sitznachbarn im Flughafen zu bitten, auf die Tasche aufzupassen, während man zum Zeitungsstand schlendert, riskiert ein barsches Nein oder Schlimmeres: das Tuscheln mit einem Sicherheitsbeamten, ob der da nicht … Noch nie haben so wenige mit so kleinem Einsatz so großen Ertrag verbucht – es sei denn, man will Gavrilo Princip auf die Liste setzen, den Einzelkiller, der 1914 den österreichischen Thronfolger ermordete und so den ganz großen, den Ersten Weltkrieg auslöste.

Die „Transaktionssteuer“ bemerken wir kaum, weil sie sich auf Abermillionen von Schultern verteilt; es sei denn, man nimmt uns Mutters selbst gemachte Marmelade an der Airport-Schleuse weg. Die politische „Steuer“ – den Überwachungsapparat – nimmt der Normalverbraucher kaum wahr. Und die psychischen Kosten, das Misstrauen, haben wir verinnerlicht; dieser Autor wird sich hüten, seinen Rollkoffer irgendwo stehen zu lassen, auch nicht in Europa. Die Freiheit ist kostbar, aber man gewöhnt sich an den Teilverlust wie an einen Druckverband.

Kommen wir zum Strategischen. Mit ihrer winzigen Investition in 9/11 haben Mohammed Atta und Kollegen (posthum) eine astronomische Rendite erwirtschaftet. Die militärische wird vom US-National Priorities Project auf 1,2 Billionen Dollar geschätzt. 450 Milliarden kostet Afghanistan seit 2001, fast 800 der Irakkrieg seit 2003, den man als indirekte Folge des Terroranschlags sehen darf. Denn die Prämisse der Bushisten war ja, dass der Despotismus Terror und Krieg zeuge – und die Demokratie grundsätzlich friedfertig sei. Ergo stürze man Saddam, den übelsten Schurken, und knacke so den Panzer der Unterdrückung, der sich um die gesamte arabische Welt gelegt hat.

Die 1,2 Billionen Dollar an Gesamtkosten dürften sich bei näherem Hinsehen als übertrieben entpuppen, aber vorerst wird die Rechnung länger und länger. Denn US- und Bündnistruppen stehen heute noch zwischen Euphrat und Hindukusch. Der Afghanistankrieg geht verloren, und Irak bleibt ein Fragezeichen. Gewiss, die Taliban werden sich nach ihrem Sieg hüten, das Land wieder an Al Qaida zu verpachten. Vielleicht werden auch künftige Historiker auf die Einnahme Bagdads 2003 verweisen und urteilen: Erstens sei danach die erste (Halbwegs-)Demokratie in Arabien entstanden. Zweitens sei der Saddam-Sturz der Anfang jener „Arabellion“ gewesen, die in Tunis, Kairo und Damaskus entflammt ist und der ganzen Region eine Art von Demokratie verschafft hätte. Vielleicht. Den Lauf der Geschichte erkennt man erst hinterher. Die französische Demokratie hat erst hundert Jahre nach dem Bastille-Sturm feste Wurzeln geschlagen. Afghanistan wird nach dem Abzug alles sein, nur keine Demokratie wie im Lehrbuch – und auch keine Säule mittelöstlicher Stabilität. Ob der Irak halbdemokratisch und ein einziger Staat bleibt, wird sich erst weisen, wenn (und falls) die amerikanische Armee das Land verlässt.

Tatsache jedenfalls ist, dass Atta und Al Qaida mit einem bisschen Saatgut eine gewaltige Ernte eingefahren haben. Im Jargon der Politikwissenschaft spricht man von der „Produktivität der Gewalt“. Gewiss: Dem internationalen Terrorismus geht es heute nicht gut; siehe das gewaltsame Ende des Terrorkönigs bin Laden und den Tod, den amerikanische Drohnen seinen Vizes gebracht haben. Nur: Wer das ganze Bild seit 2001 betrachtet, wird Unglaubliches konstatieren. Da hat ein Netzwerk von ein paar hundert Terroristen dem mächtigsten Land auf Erden, dem gesamten Westen einen Schaden zugefügt, den in früheren Zeiten nur andere Großmächte mit ihren Armeen hätten bewirken können – von den innenpolitischen und psychologischen Kosten ganz zu schweigen.

Nein, kein Terrortrupp kann einen intakten Staat bezwingen; das gilt für das kleine Israel genauso wie für das große Amerika; siehe auch Großbritannien, das sich zum Schluss, nach Jahrzehnten, gegen die IRA durchgesetzt hat. Weltpolitisch gesehen aber war Al Qaida trotzdem eine historische Zäsur. Mit dem Hebel des Terrorismus hat sie die Machtverhältnisse umgedreht. Nennen wir die Taktik „Jiu Jitsu“ – wenn der Zwerg das Gewicht des Riesen nutzt, um ihn zu Fall zu bringen. Wie das, und was ist das Neue? Untergrundkämpfer und Terroristen sind so alt wie der Krieg. Denken wir an den Aufstand der Juden gegen die Römer im Jahre 66, den diese erst nach vier Jahren und dann mit frischen Divisionen aus der Heimat niederschlagen konnten. Denken wir an die „Assassinen“ des orientalischen Mittelalters, die mit Dolch und Gift die sunnitische Herrschaft dezimierten. Und an den bereits erwähnten Gavrilo Princip, den Weltkrieg-I-Auslöser.

Nur: Bis dato konnte der Terror nie weltweit zuschlagen, in den Hauptstädten des Westens, in Tunis, Nairobi, Bali, Daressalam, Moskau, Bombay. Ein Wort liefert die beste Erklärung für die Rendite des Terrors: Globalisierung. Genauer: die exponenziell gewachsene Mobilität (Flugzeug) und die exponenziell fallenden Kommunikationskosten (Internet); die tendieren gen null. Parallel dazu bietet die urbane Mobilitätsgesellschaft eine endlose Liste von „lukrativen“ Zielen: Flughäfen, Passagierjets, Bahnhöfe, Stadien, Hochhäuser, Mega-Hotels. Die Folge sind märchenhafte Synergieeffekte. 9/11 liefert das beste Rezept: Mit Teppichschneidern für ein paar Dollar kapere man zwei Flugzeuge à 50 Millionen und vernichte so 3000 Menschen und zwei Türme, deren Nachfolger, das „One World Trade Center“, drei Milliarden kosten wird. Drei Milliarden Dollar gegen eine Handvoll – der gerissenste Hedge-Funder kann von einer solchen „Rendite“ nicht einmal träumen, von den verlorenen Freiheiten ganz zu schweigen.

Auch Dschingis Khan, Napoleon oder Hitler konnten von dieser „Produktivität der Gewalt“ nicht träumen; das ist der historische Unterschied. Freilich kommt immer die dialektische Gegenbewegung: Die Rendite ist hoch, aber die Nachhaltigkeit sinkt. Das Mongolen-Imperium, dessen Eroberung und Erhalt 40 Millionen Menschenleben gekostet haben soll, hielt immerhin fast 200 Jahre lang. Napoleon war nach nicht einmal 20 Jahren am Ende, und Hitler nach sechs Jahren Krieg. Dieser Abwärtstrend ist die gute Nachricht: Die „Produktivität der Gewalt“ wächst, aber die rettende Kraft auch.

Holen wir dazu etwas aus. Der Terror ist Krieg mit nichtmilitärischen Mitteln, seien es Selbstmordbomben oder gekaperte Flugzeuge. Die Gegenwehr ist Nicht-Krieg mit militärischen Mitteln: mit Drohnen, Kampfhubschraubern, Präzisionsmunition aus großer Höhe, Aufklärung aus dem All, digitalen Befehlsketten. Die „asymmetrische Kriegführung“ ist und bleibt das Prä der Freischärler, aber inzwischen dreht der Westen die Asymmetrie zu seinen Gunsten. Das musste er auch, denn einen klassischer Krieg wie jenen, der 2001/2 die Taliban vertrieb, wird der Westen so schnell nicht mehr führen. Dafür bürgen die astronomischen Kosten im Vergleich zum mageren Gewinn.

Stattdessen eben der Nicht-Krieg mit Mitteln, die den Westen begünstigen: Abstandswaffen und Aufklärung vom sicheren Port aus. Al Qaida und Nachahmer können weder Drohnen noch Satelliten aufbieten, auch nicht die digitalen Fähigkeiten, die es dem Westen erlauben, Kommunikations- und Finanzkanäle zu kontrollieren. Ganz allgemein: Die Terroristen operieren zwar weltweit, können aber auf Dauer nicht die ganze Welt in Schach halten. Im Gegenteil, der Terror verliert seine Stützpunkte, weil sich die Staaten – ganz gleich wie sehr sie einander misstrauen – auf ihr Gewaltmonopol besinnen. Bevor China, Amerika, Russland übereinander herfallen, werden sie den gemeinsamen Feind dezimieren.

Wird der Arabische Frühling den Terror zügeln? Wenn er zur Arabischen Demokratie heranreift, ja. Aber das ist ein langer, steiler Weg, der mit hoher Wahrscheinlichkeit einen anderen Terror hervorbringen wird. Das ist der innere, wie er seit 20 Jahren Algerien quält, wo das Regime weiland den bevorstehenden Wahlsieg der Islamisten mit der Waffe erstickte; der Bürgerkrieg schwelt weiter. Die Terrorkampagne der Sunni-Iraker ab 2005 war eine Revolte gegen die Vorherrschaft der befreiten Schia-Mehrheit. Richtig: Demokratien sind grundsätzlich friedfertig, aber Nicht-Demokratien im Übergang – nach dem Tyrannensturz – sind die gefährlichsten Spieler auf dem Felde der Macht. Denn es fällt auseinander, was zuvor durch Unterdrückung zusammengehalten wurde.

Der Terror lässt sich besiegen, wenn auch im Gefolge von 9/11 mit Kosten, die denen von traditionellen Kriegen nicht nachstehen. In diesem Sinne hat der Terror einen unvorstellbaren Triumph verbucht, erst recht, wenn man die „Kollateralschäden“ für Wirtschaft und Freiheit mit einrechnet. War es die Sache wert? Die Weisheit, die der Blick in den historischen Rückspiegel verschafft, sagt Nein. Amerika, der Westen insgesamt, hätten keine Kriege in Afghanistan und im Irak ausfechten müssen; das zeigt der gegenwärtige, recht erfolgreiche „Nicht-Krieg mit militärischen Mitteln“ – flankiert von der geduldigen Arbeit der Polizei- und Geheimdienste und mit dem Kollegen Computer als bestem Freund.

Dass die Wirtschafts- und Finanzkrise weltweit eine zweite, schrecklichere Front eröffnet hat, ist nicht Osama bin Laden geschuldet. Aber dennoch darf er sich in der Hölle freuen. Denn die Ressourcen, die Amerika seit 9/11 verpulvert hat, fehlen jetzt in dem großen Abstiegsspiel, das die wirtschaftliche, womöglich auch politische Zukunft des Westens entscheiden wird.

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