Meinung : Mit starken Worten

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Von Martin Gehlen

Der Osten Europas hat Johannes Paul II. immer am Herzen gelegen. Dort ist er während des Kalten Krieges aufgewachsen und hat die Erfahrungen der Menschen dort jahrzehntelang geteilt. Er weiß, welche tiefe geistige und soziale Orientierungskrise die Sowjetära hinterlassen hat. Der einstige Staatssozialismus ist gewuchert zu einem wilden Kapitalismus. Krasse Gegensätze prägen den Alltag, neue korrupte politische Klassen bereichern sich, während die große Mehrheit in schier endlosen, halb verfallenen Plattenbausiedlungen mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Aserbaidschan, die erste Station der 96. Auslandsreise von Johannes Paul II., ist ein typisches Beispiel dieser postsozialistischen Welt. Trotz reichlich sprudelnder Erdölquellen und staatlicher Unabhängigkeit lebt ein großer Teil der Menschen in der Kaukasus-Republik unter der Armutsgrenze. Grund genug für den gebrechlichen Besucher aus dem Vatikan, den Machthabern in Aserbaidschan die Leviten zu lesen. Ähnlich deutliche Worte wird sich auch die politische Führung Bulgariens anhören müssen, wo der Papst bis zum Sonntag bleibt.

150 Katholiken und drei Ordenspriester leben in Aserbaidschan, die übrigen acht Millionen Einwohner sind Muslime. Zum Gottesdienst im Sportpalast der Hauptstadt Baku erschienen 2000 Menschen, die kleinste öffentliche Papstmesse, die Johannes Paul II. jemals auf einer Auslandsreise gefeiert hat. Insofern verfolgt sein Besuch weniger pastorale als politische Ziele. Der vatikanischen Diplomatie liegt daran, den Armenien-Besuch vom vergangenen September auszubalancieren. Sie will den Eindruck vermeiden, Johannes Paul II. ergreife in dem Konflikt um die armenische Enklave Berg-Karabach, der Zehntausende Leben und Heimat gekostet hat, einseitig Partei für Armenien.

In Bulgarien, der zweiten Station, sind die Verhältnisse weniger krass. Rund 80 Prozent der acht Millionen Einwohner sind orthodoxe Christen. Mit rund 13 Prozent bilden die Muslime die größte religiöse Minderheit. 80 000 Bulgaren sind Katholiken. Hier will der Papst vor allem das stark gespannte Verhältnis zwischen römischen Katholiken und Orthodoxen entkrampfen. Das Treffen mit dem orthodoxen Patriarchen Maxim von Sofia folgt einem ausgefeilten diplomatischen Ritual. Die ostkirchliche Seite lädt den Papst nicht offiziell ein, bietet ihm aber Gesten der Gastfreundschaft an. Mehr lässt das Klima zwischen beiden Konfessionen im Moment nicht zu. Dennoch ist es ein wichtiger Baustein: Nach der Begegnung mit Maxim hat Johannes Paul II. dann fast alle orthodoxen Oberhäupter persönlich getroffen – mit Ausnahme des serbischen Patriarchen Pawle und des besonders romkritischen Moskauer Patriarchen Alexij.

Die Visite ist aber auch eine Geste der politischen Entspannung. Nach den Schüssen auf den Papst 1981 auf dem Petersplatz sind die Gerüchte um die Rolle bulgarischer Hintermänner nie verstummt, die dem Türken Ali Agca geholfen haben sollen. Bis heute liegen die Hintergründe der Tat im Dunklen. Der Besuch von Johannes Paul II. in Sofia wird unter dieses spezielle Kapitel des Kalten Krieges einen Schlussstrich ziehen.

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