Mixa und Roth : Der Reichsparteitag der Guten findet in einem Wasserglas statt

Die meisten Konflikte in Deutschland laufen nach dem gleichen Muster ab: Alle haben Recht und es bilden sich sofort merkwürdige Allianzen. So auch im aktuellen Konflikt zwischen der Grünen Claudia Roth und dem Umfeld des Augsburger Bischofs Walter Mixa.

Henryk M. Broder

Kennen Sie den? Eine ältere Frau kommt zum Rabbi und sagt, sie wolle sich scheiden lassen. Ihr Mann erfülle seine ehelichen Pflichten nicht und lasse sich kaum noch zu Hause blicken. "Du hast Recht, gute Frau", sagt der Rabbi, "so geht es nicht." Eine Stunde später kommt der Mann der Frau zum Rabbi und sagt, er wolle sich scheiden lassen. Seine Frau kümmere sich nicht um ihn und lasse das Haus verkommen. "Du hast Recht, guter Mann", sagt der Rabbi, "so geht es nicht." Die Frau des Rabbiners hat alles mitbekommen. "Du kannst nicht beiden Recht geben", sagt sie. "Du hast Recht gute Frau", sagt der Rabbi, "das geht nicht."

Nach diesem Muster laufen die meisten Konflikte ab. Alle haben Recht. Die Gewerkschaft der Lokführer und die Bundesbahn. Die Autofahrer und die Fußgänger. Die Raucher und die Nichtraucher. Die Arier und die Vegetarier. Und sind an einem Konflikt mehr als zwei Parteien beteiligt, haben nicht nur alle Recht, es bilden sich auch sofort Allianzen. Zum Beispiel so: Die grüne Abgeordnete Claudia Roth, die selten eine Gelegenheit auslässt, im Leerlauf Vollgas zu geben, nennt den Augsburger Bischof Mixa einen "durchgeknallten, spalterischen Oberfundi". Das ist keine Liebeserklärung, aber ganz daneben ist es auch nicht. Worauf der Sprecher der Diözese Augsburg erklärt, Frau Roths Wortwahl erinnere ihn "in erschreckender Weise an die Propaganda-Hetze der Nationalsozialisten gegen die katholische Kirche und ihre Repräsentanten". Damit steht es eins zu eins, wobei der Knüppel, den der Sprecher des Bischofs aus dem Sack geholt hat, noch eine Nummer dicker ist als das Stöckchen, mit dem Frau Roth fuchtelt.

Jetzt könnte Frau Roth eine Retourkutsche starten und fragen, wie das damals so war, als der Vatikan ein Konkordat mit dem Dritten Reich schloss und sich jede öffentliche Kritik an der Politik der Nazis verkniff. Aber sie kommt nicht dazu, denn schon betritt Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden, die Szene, stellt sich hinter Frau Roth und fordert vom Vatikan disziplinarische Maßnahmen gegen Bischof Mixa. Frau Knobloch meldet sich in letzter Zeit immer öfter zu Wort, wobei die Intensität ihrer Wortmeldungen im umgekehrten Verhältnis zur Bedeutung des Anlasses steht: je nichtiger, desto heftiger. Im Falle von Bischof Mixa hat sie freilich eine gewisse Zurückhaltung gezeigt, sie hätte auch den lieben Gott zum Eingreifen auffordern können.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, bis dato nicht als Vertreter kirchlicher Interessen aufgefallen, nennt Mixa "eine Belastung für das Ansehen der katholischen Kirche", die "wiederholte Banalisierung der größten Menschheitsverbrechen" sei "unerträglich und skandalös". Auch der Sprecher des Landeskomitees der bayerischen Katholiken spricht von einer "unerträglichen Wortwahl", meint damit aber das, was Frau Roth gesagt hat.

Offenbar hat niemand etwas aus dem Fall Eva Herman gelernt, und falls doch, dann wie man es nicht machen sollte. Mixa ist kein Nazi, sondern ein solider katholischer Reaktionär, so wie Frau Roth keine Rosa Luxemburg ist, sondern eine Empörungsmaschine, die von alternativer Energie angetrieben wird. Und Frau Knobloch, die in wenigen Tagen 75 wird, scheint einen enormen Nachholbedarf als politische Aktivistin zu haben. It's now or never!

Der Witz liegt darin, dass alle das tun, was sie bei anderen verurteilen: eine Banalisierung und Instrumentalisierung der Nazis. Nie war es einfacher, Antifaschist zu sein und nachgeholten Widerstand zu praktizieren. Der Reichsparteitag der Guten findet in einem Wasserglas statt. Nur fünf Flugstunden von Berlin entfernt sitzt ein Irrer in einem Palast und plant den nächsten Holocaust. Das aber will keiner wahrnehmen. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, kleine Brötchen im Sandkasten der Geschichte zu backen.

Der Autor ist Reporter beim "Spiegel".

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