Möglicher EU-Austritt Großbritanniens : Die Briten wissen nicht, was sie tun

Sollte sich Großbritannien bald aus der EU verabschieden, dann liegt das nicht nur an ein paar Extremisten. Der britische Mainstream hat vergessen, wie man für Europa plädiert. Und Merkels Pragmatismus verkennt, wie ernst die Lage in London ist.

Philip Oltermann
Wird Großbritannien eines Tages aus der EU austreten?
Wird Großbritannien eines Tages aus der EU austreten?Foto: Reuters

Von den vergangenen 1825 Tagen in meinem Leben habe ich genau 1659 in Großbritannien verbracht. Weshalb ich das so genau weiß? Weil ich die letzten paar Wochen damit verbracht habe, meinen offiziellen Antrag auf britische Staatsbürgerschaft auszufüllen. Der britische Beamte ist strenger als sein Ruf, und die Formulare sind seitenlang: Wann ich das erste Mal in dieses Land kam, will er wissen, wie oft ich in den vergangenen Jahren im Ausland war, seit wann ich Steuern zahle, ob diese zwei Tage in Dänemark ein Berufsaufenthalt waren oder ein Urlaub. Und so weiter und so fort. Eine gewisse Dosis Skepsis ist verständlich: Wer außer Möchtegernspionen beharrt im vereinten Europa noch auf einem zweiten Reisepass? Aber in diesem Fall grenzt der bürokratische Akt an eine Abschreckungsmaßnahme. Nächste Woche kommt noch ein einstündiger Termin beim Bezirksamt dazu, eine Gebühr von 800 Pfund, dann eine Wartezeit von bis zu vier Monaten, schließlich eine „Citizenship Ceremony“, bei der ich als eingefleischter Antimonarchist „God Save the Queen“ singen muss, und dann, erst dann, darf ich mich einen waschechten Briten schimpfen.

Es gibt zwei Gründe, weshalb ich mich dieser Prozedur ergeben habe. Der erste lässt sich gut durch jenen britischen Spruch aus der Zeit der amerikanischen Revolution zusammenfassen: „No taxation without representation.“ Kurzum: Ich habe es satt, dass ich den politischen Kurs dieses Landes nicht mit meiner Wählerstimme beeinflussen kann, obwohl ich hier seit 16 Jahren lebe und seit fast zehn Jahren Steuern zahle. Der zweite Grund jedoch – und es ist der ausschlaggebendere von beiden – ist, dass ich Angst habe. Angst davor, dass Großbritannien in ein paar Jahren plötzlich nicht mehr Teil der EU sein wird, und ich dadurch plötzlich in einem Land, in dem ich die Hälfte meines bisherigen Lebens verbracht habe, zu einem Bürger zweiten Ranges werde.

Der Autor ist Redakteur beim „Guardian“ in London. Von ihm ist soeben das Buch erschienen: „Dichter und Denker, Spinner und Banker: Eine deutsch-englische Beziehungsgeschichte“, Rowohlt, Reinbek 2013, 288 Seiten, 12,99 Euro.
Der Autor ist Redakteur beim „Guardian“ in London. Von ihm ist soeben das Buch erschienen: „Dichter und Denker, Spinner und...promo

Ich habe Freunde hier in England, kluge Menschen mit Kolumnen in Tageszeitungen oder Doktortiteln in Politikwissenschaft, die mich belächeln, wenn ich das sage. Ich solle mir keinen Kopf machen über die Volksabstimmung zur EU-Mitgliedschaft, die wohl 2017 stattfinden wird. Den Umfragen nach mag die Stimmung im Land so europaskeptisch sein wie nie zuvor, die Anti-Brüssel-Rhetorik in der Presse so kreischend laut wie selten, aber das werde sich bald wieder beruhigen. „The great British public“ sei halt ein launisches Wesen: 1975 lag die EU-Skepsis bei 25 Prozent, 1980 dann bei über 50 Prozent, 1990 wieder bei unter 20 Prozent. Im November lag die Zahl der Austrittsbefürworter wieder bei 56 Prozent, aber man beteuert mir gegenüber, dass die Großen und Guten im Lande vor einer Abstimmung wieder zu Verstand kommen würden. Die paradoxe Haltung der britischen Euroskeptiker, schrieb der „Economist“ jüngst, werde im Laufe der nächsten Jahre erkennbar werden: „Diejenigen, die Großbritanniens Beziehung zu Europa verändern wollen, werden erklären müssen, welche Kompetenzen sie denn eigentlich aus Brüssel zurückholen wollen – und ob diese einfach durch ähnliche Gesetze zu Hause ersetzt würden.“

Spätestens seit dem 1. März dieses Jahres sollte eigentlich jedem Briten klar sein, das ein solcher Optimismus fehl am Platz ist. Bei einer Regionalwahl im Wahlkreis Eastleigh verwies kürzlich eine Partei die regierenden Tories und die oppositionelle Labour-Partei auf den dritten und vierten Platz, die aggressiv für einen Austritt aus der europäischen Staatengemeinschaft, einen fünfjährigen Einwanderungsstopp aus EU-Ländern und eine sofortige Aufhebung der Europäischen Menschenrechtskonvention eintritt. Einige ihrer Kandidaten sprechen sich offen für das Errichten von Internierungslagern für Einwanderer aus. Ihr Vorsitzender beschimpft seine Konkurrenz als „Sozialdemokraten“ – und das im Mutterland des Liberalismus. Die UK Independence Party, kurz „UKIP“ bezeichnet sich selbst als eine „libertäre, nicht rassistische Partei“ – dass sie dies überhaupt klarstellen muss, sagt schon einiges über sie aus.

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