Meinung : Mohn auf Minenfeldern

Afghanistan kann sich Kampf gegen Drogen noch nicht leisten

Ulrike Scheffer

Das hatten sich die Afghanen anders vorgestellt. Neue Hilfszusagen wollten sie in Berlin erhalten – und Lob für die geleistete Arbeit beim Wiederaufbau. Beides haben sie zwar auch bekommen, doch nun sieht sich die Regierung unversehens selbst mit Forderungen konfrontiert. Sie soll den Drogenanbau in ihrem Land bekämpfen, der seit dem Sturz der Taliban ein nie da gewesenes Ausmaß angenommen hat. Mehr als 50 Prozent des afghanischen Bruttoinlandsprodukts gehen auf die Drogenwirtschaft zurück, der Hoffnungsstaat ist beim Opium Marktführer auf dem Globus. Angesichts dieser Zahlen wirkt es eher peinlich, wenn Übergangspräsident Hamid Karsai in Berlin auf das satte afghanische Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre hinweist. Ohne die Mohnfelder der afghanischen Bauern würde es deutlich geringer ausfallen.

Dennoch kann man Karsai und seine Minister verstehen, wenn sie andere Themen in den Vordergrund der Beratungen in Berlin rücken wollen. Denn: Die meisten Bauern würden wohl auf die illegalen Geschäfte verzichten, wenn sie ihr Geld ehrlich verdienen könnten. Das ist in Afghanistan aber nicht so einfach. Zwar konnten die Bauern zuletzt gute Weizenernten einfahren, doch viele blieben auf ihren Erträgen sitzen. Noch fehlt die Infrastruktur, um ihre Produkte auf regionale Märkte zu transportieren. Und die internationalen Hilfsorganisationen, die in Afghanistan Flüchtlinge und andere Bedürftige mit Lebensmitteln versorgen, lassen ihren Weizen aus Lagern im Ausland einfliegen, statt ihn bei den lokalen Bauern einzukaufen.

Die Afghanen haben Recht, wenn sie auf den Zusammenhang von Armut und Drogenanbau hinweisen. Mit einem langfristigen Aufschwung und alternativen Einkommensquellen könnte die Drogenwirtschaft wohl am ehesten zurückgedrängt werden. Kurzfristige militärische Aktionen bewirken dagegen nur wenig. Das zeigt die Entwicklung in Lateinamerika. In Ländern wie Kolumbien wird seit Jahrzehnten mit militärischen und zivilen Anti-Drogen-Programmen experimentiert. Das Ergebnis ist gleich null. Kolumbien gehört heute zu den gefährlichsten Ländern der Welt – und zu den ärmsten.

Für Afghanistan wäre es fatal, wenn durch Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Drogenmilizen die erreichte, ohnehin brüchige Stabilität gefährdet würde. Zu groß ist die Gefahr, dass das Land in einen neuen Bürgerkrieg abrutscht. Der Westen sollte außerdem nicht vergessen, dass er bei seinen eigenen Anstrengungen im Kampf gegen Drogen ebenfalls kaum Erfolge vorweisen kann. Eine hohe Nachfrage stimuliert bekanntlich das Angebot.

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