Mon BERLIN : Das neue zweite Vaterland

Die heutigen Migranten träumen nicht mehr von Frankreich - sie widerlegen damit einen berühmten Satz von Thomas Jefferson

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Am anderen, dem französischen Ufer des Rheins, starrt man auf die riesige Flüchtlingswelle hierzulande. Zunächst ein einstimmiger Schrei der Bewunderung für Angela Merkels Großzügigkeit. In München 40 000 Neuankömmlinge an einem Wochenende. Für das ganze Jahr werden in Deutschland 800 000 erwartet. Überwältigende Zahlen für die Franzosen, die, das hat François Hollande zugesagt, über die nächsten zwei Jahre 25 000 Menschen aufnehmen werden. Obwohl Angela Merkel soeben entschieden hat, die Grenze zu Österreich zu schließen, ist sie doch der humanitäre Star der Stunde.
Überall die gleiche Frage: „Aber wie werden sie das schaffen?“ „Sind sie sich darüber im Klaren, worauf sie sich eingelassen haben?“ Zum Frühstück trompetet Marine Le Pen aus dem Radio. Sie vergleicht die Flüchtlingskrise mit dem „Einfall der Barbaren“ im 4. Jahrhundert, der zum Zerfall des Römischen Reichs geführt hat. Ihr zufolge handelt es sich nur in den seltensten Fällen um politisch Verfolgte, während die meisten doch Wirtschaftsflüchtlinge seien. Sie verurteilt die „Laxheit“ des für die derzeitige Krise verantwortlichen Europas. Die klassische Litanei der extremen Rechten.

Wenn ich an die Wahlen 2017 in meinem Land denke, läuft vor meinem inneren Auge ein sehr schlechter Film ab

Marine Le Pens Stimme ist genauso aggressiv wie die ihres Vaters, den sie gerade aus der Partei ausgeschlossen hat. Und ihre Reden, die sie seit Monaten zu glätten und von fremdenfeindlichen Schlacken zu säubern versucht – mit dem Zustrom von Flüchtlingen verfällt sie wieder in den alten Ton und bedient die tief sitzenden Ängste der Franzosen. Die Wirtschaftslage ist alles andere als berauschend, die Zukunft nicht rosig, die Jugendarbeitslosigkeit hoch, und dann ist da auch noch Griechenland. Werden die Zuwanderer bei der herrschenden Wohnungsnot an den Warteschlangen vorbeistürmen und sich ein Zuhause verschaffen, während den Franzosen nichts übrig bleibt, als geduldig zu warten, bis sie an der Reihe sind? Wenn ich an die Wahlen 2017 in meinem Land denke, läuft vor meinem inneren Auge ein sehr schlechter Film ab. Marine Le Pen wird für den Elysee-Palast kandidieren und sich Hoffnung machen können, dass sie im zweiten Wahlgang durchkommt. Schon bläst die CSU mit großem Getöse in die populistische Asche und malt Bilder von adretten und nun von den Migranten übernommenen Dörfern an die Wand.
Nur schwer können die von François Hollande nach München geschickten Beamten ihre Busse mit Flüchtlingen füllen. Die nämlich wollen lieber in Deutschland bleiben, dem Land von Wohlstand und Bevölkerungsrückgang, dem europäischen Schlaraffenland. Sie haben davon gehört, wie schlecht die Flüchtlinge in Frankreich empfangen werden, wie endlos lang es dauert, bis man bei der Bürokratie einen Asylantrag stellen kann und wie viel länger, bis man anerkannt ist. Außer den Syrern haben nicht viele eine Chance. Die Flüchtlinge wehren sich mit aller Kraft dagegen, Deutschland verlassen zu müssen, wo sie viel besser dran sind.


Das erinnert mich an den Deutschstämmigen, den ich Anfang der 90er Jahre in einem Dorf im hintersten Kasachstan kennenlernte. Er erklärte mir, dass seine Vorfahren auf Einladung von Katharina der Großen Weißenburg, heute Wissembourg, verlassen hatten, um sich an den Ufern der Wolga anzusiedeln. „Ah“, rief ich entzückt, „dann sind Sie ja Franzose!“ Ich hatte mir die Haltung der Nachkriegsdeutschen zu eigen gemacht, die alles getan hätten, um ihrer schwierigen Staatszugehörigkeit zu entkommen, die sich zu Europäern erklärten oder zu Weltbürgern, in der Hoffnung, auf diesem Umweg ihre schwere Vergangenheit hinter sich zu lassen. Aber sein Gesicht verdüsterte sich. Er protestierte und gestaltete die Geografie Europas neu, auf seine Façon. Er wollte nicht zugeben, dass das Elsass seit 1945 eindeutig zu Frankreich gehört. Er wollte in Deutschland leben.
Auch die heutigen Migranten träumen nicht mehr von Frankreich. Deutschland hat mein Land als beliebtestes Ziel verdrängt, und zwar sehr nachdrücklich. Nach Deutschland, Schweden und Italien steht Frankreich nur noch auf Platz 4. Eine große französische Tradition verkümmert. „Jeder Mensch hat zwei Vaterländer: das seine – und Frankreich“, hat Thomas Jefferson gesagt. Es sieht so aus, als würden diejenigen, die vor den Toren der Europäischen Union stehen, das letzte Wort dieses schönen Satzes ändern.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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