Mon BERLIN : Konsens und große Ruhe – im Café Einstein

In diesen Krisenzeiten will Deutschland jede Veränderung vermeiden. Man könnte glauben, Deutschland sei, von seinen Politikern eingelullt, eingeschlafen.

Pascale Hugues[Le Point]

Es war direkt nach dem Fall der Mauer. Zum Mittagessen war ich in eine Eckkneipe in Pankow gegangen, mit einem Chefredakteur, sehr pariserisch, sehr intellektueller Kaviarlinker, ein mondäner Menschenschlag, wie man ihn in dieser ausgeprägten Form in Deutschland nicht findet. Die Kneipe war düster und roch nach Scheuermilch.

Im Aschenbecher ruhten dutzendweise Cabinet-Kippen, und der frisch gewischte Linoleumboden glänzte wie eine Schlittschuhbahn. Der panierte Camembert erstickte unter seinem Preiselbeergelee, der Kaffee war bitter, die Kellnerin muffig, die Einrichtung strahlte den schrägen Charme des real existierenden Sozialismus aus. In der Ecke ein runder Tisch mit einer rot-weiß karierten Decke und einem barocken Schild: „Stammtisch“. Ich erklärte meinem Gast, was ein Stammtisch ist, dieses sehr germanische Ritual. Man trifft sich einmal in der Woche, meistens sind die Männer unter sich, um Bier zu saufen, Karten zu spielen und über Frauen und Politik zu philosophieren. Man ist unter sich. Man rückt zusammen. Man zieht über die anderen her. „Ah“, rief der Chefredakteur mit affektierter Stimme.

Es begeisterte ihn, dass er ein Geheimnis der deutschen Seele gelüftet und den Bogen von Pankow zur Bastille gespannt hatte. „Das ist wie für mich der Sonntagmorgen bei Bofinger!“ (Auf Französisch bôfûngé ausgesprochen, klingt es wesentlich eleganter als das elsässische Bofinger!)

Die Eckkneipe in Pankow und Bofinger an der Place de la Bastille in Paris … Eine gewagte, fast ein wenig dreiste Parallele. Jedenfalls beweist sie einen völligen Mangel an Sensibilität für die sozialen Milieus. Allerdings ist es ein tiefes Bedürfnis der Franzosen, das Fremde in die beruhigenden kleinen Schubladen ihres nationalen Universums einzuordnen. Das 1864 gegründete Bofinger, die älteste elsässische Brasserie in Paris und eine bedeutende Institution, ist von der Pankower Eckkneipe vor und auch nach der Wende Lichtjahre entfernt. Unter der Glaskuppel im Stil der Belle Époque isst man riesige Platten mit Austern und Sauerkraut mit Meeresfrüchten zu Fantasiepreisen. Hier trifft sich die feine Welt aus Politik, Journalismus und Literatur, um den neuesten Klatsch herunterzubeten, Allianzen zu schmieden, Verträge zu unterzeichnen, Ruf und Liebschaften zu ruinieren. Die menschliche Komödie wie bei Balzac.

Ich erinnere mich noch gut an die Stimmung bei Bofinger kurz vor den letzten Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Das wie unter Strom stehende Lokal hatte sich in zwei Lager geteilt: die Sarkozy-Anhänger auf einer Seite, die Ségolène-Fans gegenüber. Duelle mit gezogenen Messern, mit erhobenen Fäusten. Man schüttelte Rolex und Rayban. Am Horizont zogen Scheidungen auf. Man bewarf sich mit großen Worten und leidenschaftlichen Erklärungen.

Vor drei Tagen habe ich im Café Einstein, Unter den Linden, eine letzte Sondierung vorgenommen. Das Einstein ist für das neue Berlin das Gleiche wie Bofinger für das alte Paris. Unter der Woche begegnen sich alle, die dazugehören (oder das von sich glauben). Am Sonntagabend findet man sich auf den Sesseln bei Anne Will.

Ich erwartete einen Sturm, heftige Gespräche, verrückte Prognosen … nichts. Es war zehn Uhr früh, und die milde Sonne dieses endlosen Sommers badete die Terrasse in ihrem Licht. Nicht die leiseste Brise kräuselte die glatte Oberfläche dieses Morgens, ein Spiegelbild des öden Wahlkampfes, den wir gerade erlebt haben. Keine laute Stimme, kein Schulterzucken, nicht einmal das erregende Knistern eines Gerüchts. Deutschland: Konsens und große Ruhe.

In diesen Krisenzeiten will Deutschland jede Veränderung vermeiden. Die Kellner begrüßten die Stammgäste wie immer. Die Hinterteile glitten wie immer auf die karamellfarbenen Lederbänke, die Touristen lagen wie immer auf der Lauer nach Promis. Die Financial Times hing ebenso schlapp an ihrem Haken wie die lauwarmen Nachrichten, die die Presse seit Wochen verbreitet. Hätte nicht Marilyn Monroes riesiges Foto ein wenig Leben in die gefühlstaube morgendliche Gesellschaft gebracht, man hätte glauben können, Deutschland sei, von seinen Politikern eingelullt, im Schatten des Reichstags eingeschlafen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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