Mon BERLIN : Sprachbad im Oderbruch

Das Oderbruch mit seinen langgestreckten, scheinbar so friedlichen Ebenen ist ein Hochrisikoregion.

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Wenige Kilometer vor Berlin lauern Gefahren, deren Ausmaß man erst erahnt, wenn man dort einige Tage in einem weltabgeschiedenen Dorf verbracht hat. Aus, bei, mit, nach, seit, von, zu, durch, für, gegen, ohne, um, wider… Jahrzehnte sind verstrichen, und immer noch kann ich dieses lange Band von Präpositionen auswendig und in Höchstgeschwindigkeit aufsagen, ohne zu zögern, ohne zu stolpern. Ich kann diese beiden Gruppen perfekt unterscheiden: Am Anfang die treuen Weggefährten des Dativs. An zweiter Stelle diejenigen, die sich mit dem Akkusativ paaren. Zwischen beiden besteht eine scharfe Grenze. Seit unser Deutschlehrer im Gymnasium uns damit genudelt hat wie Gänse, die zur Foie gras bestimmt sind, glaubte ich diese schwer verdaulichen Präpositionen für immer in die Festplatte meines Gehirns eingraviert. Ein unzerstörbarer Automatismus. Und doch hat eine Woche Sprachbad im Oderbruch genügt, um mein Gedächtnis zu zerrütten. „Der ist mit die Hunde jejangen“, informiert mich meine Nachbarin Frau Bauer, eine native speaker, als ich sie frage, wo ihr Mann heute Vormittag ist. Und ich, ich stehe da, mit hängenden Armen, völlig aus der Bahn geworfen angesichts dieser gigantischen grammatikalischen Entgleisung. Herr Bauer und seine beiden Pudel, einer weiß, einer schwarz, entschwinden am Horizont auf dem kleinen Feldweg, und plötzlich ändern die Präpositionen ihr Gleis, springen auf andere Schienen, fahren in die falsche Richtung, missachten Schranken, rote Lichter und Alarmsignale.

Ohne Vorwarnung verstellen sich die sprachlichen Weichen. Mit mit Akkusativ. Durch mit Dativ. Und den Genitiv gibt es nicht mehr. Von der Erde verschwunden. Der Frau Bauer ihr Mann ist spazieren jejangen. Die ihrer überlieferten Regeln beraubten Sätze rammen sich wie aus der Spur geworfene Waggons. Der Lokführer hat seinen Posten verlassen. Offensichtlich sabotiert Frau Bauer brutal den Duden. Eine Terroristin gegen die Sprache Goethes, mitten im Oderbruch! Mein Gehirn dreht durch. Ohnmächtig starre ich auf den manischen Wirbel der Präpositionen, der Fälle, der Nomen und Pronomen, die in völliger Anarchie über meine Zunge rasen. Die deutsche Grammatik, nur noch ein schwerer Unfall.

Vor meinen ohnmächtigen Augen dehnt er sich in die Unendlichkeit. Zusammengeprallt sind aus bei mit nach seit von zu … zu Brei geschlagen sind durch für gegen ohne um wider … Schon eine Woche im Oderbruch kann einen Ausländer in tiefste Verwirrung stürzen. Zurück in Berlin sind mir heute in meiner Küche sämtliche Orientierungspunkte verloren gegangen. Mein Deutsch ist nur noch ein trauriges Trümmerfeld. Ich stelle den Butter auf die Tisch, während der Sonne sich weigert, diesen Tag zu erleuchten. Le beurre, la table, le soleil… Die französischen Geschlechtswörter fordern ihr Recht und haben mit einem wohlgeführten Hieb ihre deutschen Gegenstücke ausgeschaltet. Meine Muttersprache triumphiert.

Zwei Hunde regieren den Maskulin Plural. Aber mit zwei Hunde führen nicht mehr notwendig zu Dativ, Maskulin, Plural. Fortgerissen sind die genau markierten Trassen, die den Weg durch das große, rigorose und logische Netz der deutschen Grammatik bahnen mit ihren Abzweigungen, ihren Signalanlagen, ihren Abstellgleisen, die man auf keinen Fall befahren darf, ihren Kopfbahnhöfen. All die Jahre des Lernens und Übens … alles für die Katz!

Ja, mehr noch als Bayern oder das Schwabenland bildet das Oderbruch einen Staat im Staat. Die grammatikalische Grenze verläuft nördlich von Bad Freienwalde und führt bis zu den Ufern der Oder. Und bei der Rückkehr nach Berlin ist man entzückt von der sprachlichen Reinheit der Berliner, ihrer respektvollen Beherzigung der Regeln, ihrer Kenntnis der Ausnahmen. Ein großes Glück.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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