Mon Berlin : Vom wunderbaren Leben in den Brachen

Mit der Öffnung des Flughafenareals Tempelhof hat die schon so grüne Stadt eine weitere riesige ungenutzte Freifläche bekommen - ein wildes Paradies, offen für alle Fantasien.

Pascale Hugues

Wenn Paare endlich mit der Renovierung ihres Hauses fertig sind, wenn sie ihre Wochenenden nicht mehr damit verbringen, die Fußböden abzuschleifen und die Wände zu verputzen, wenn sie sich zu guter Letzt Seite an Seite in ihr tiefes Sofa sinken lassen und die makellosen Tapeten bewundern, die glänzenden Böden, die symmetrisch angeordneten Regale … dann, so sagt man, verblasst ihre Liebe, dann trennen sie sich.

Vor kurzem habe ich bei einer traurigen jungen Frau übernachtet. Als ich ankam, führte sie mich sofort herum. Das Haus war bis in die kleinsten Einzelheiten perfekt gestaltet. Der Clou: unter der Arbeitsfläche im Küchenboden eine kleine Klappe, die die Hausherrin mit triumphierendem Handgriff demonstrierte – schwupps, schon hatte der Besen die drei Krümel entsorgt, die dummerweise auf die Terracottafliesen gefallen waren. Mich schauderte, und nur mühsam konnte ich das in mir aufsteigende Entsetzen verbergen. Meine Gastgeberin war todunglücklich. Ihr Freund hatte eines schönen Morgens, kaum dass der letzte Nagel eingeschlagen war, hastig seine Koffer gepackt und war ohne jede Erklärung gegangen. Er war im Laufschritt entflohen. In diesem so sterilen, so leeren, so tristen Gehäuse konnte ich die ganze Nacht kein Auge zutun. Merkwürdige Geschichte, sagte ich mir, als ich am nächsten Morgen ins Auto stieg und Gas gab.

Wenn ich in diesen Tagen durch Berlin fahre, sage ich mir, dass der deutschen Hauptstadt sicher kein derartiges Schicksal droht. Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung ist Berlin immer noch voll von Löchern, Baustellen, verfallenen Häusern, Provisorien, leeren Flächen, über deren zukünftige Funktion bis jetzt nicht entschieden wurde. Mit der Öffnung des Flughafenareals Tempelhof hat die schon so grüne Stadt eine weitere riesige ungenutzte Freifläche bekommen. Ganze Kolonien von Kaninchen, Unkraut, stillgelegte Rollfelder, leere Hangars, eine Phantomflughalle … ein wildes Paradies, offen für alle Fantasien, ist auf dem Weg, diesen für die Geschichte des Kalten Krieges so wichtigen Zeugen zu erobern.

Tempelhof weckt in mir die Sehnsucht nach den frühen 90er Jahren. Damals konnte man noch mit dem Auto über die Wüste Potsdamer Platz fahren und am Rand eines Hügels mitten auf dem Platz parken. Was für ein eigenartiges Gefühl, über diese so bedeutungslos erscheinende Erhebung zu gehen, unter der jedoch der Führerbunker lag. Dieser surrealistische Moment dauerte nicht lang. Sehr schnell wurden Absperrungen errichtet, und dann wurde der Potsdamer Platz abgeriegelt und bebaut. Heute ist er nicht mehr zu erkennen. Alles hat wieder seine Ordnung, und ich könnte nicht sagen, wo der von Gräsern überwucherte kleine Hügel lag, unter dem Hitler sich umgebracht hat.

Die Liebe zieht das Chaos der Perfektion vor, sie hat lieber die Offenheit, das „Alles ist möglich“ als die klaustrophobische Einkapselung des „Alles ist für immer festgelegt“. Diese vogelfreien Lücken sind es, die wir Ausländer, die sich für das Leben hier entschieden haben, an Berlin so lieben. Diese Orte in der Schwebe geben der Stadt den Wind der Freiheit, die Nonchalance, das Schräge, das sie von vielen anderen Hauptstädten unterscheidet. Natürlich wissen wir, dass die Planer, die Städtebauer, die Architekten, die Betreiber von Einkaufszentren, die Wirte der Szenerestaurants die Dinge in die Hand nehmen und diese Brachen in das festgezurrte Korsett der Realität zwängen werden. Sie werden die Löcher zustopfen, die Narben glätten, auf den Ruinen bauen, das dichte Gewebe der Stadt einheitlicher und fester machen. Vielleicht werden sie auch eine kleine Klappe konstruieren, in der die Krümel verschwinden? Dann wird es Zeit, die Koffer zu packen und sich davonzumachen. Glücklicherweise kann man sich auf die Widerstandskraft Berlins ebenso verlassen wie auf die Begabung seiner Kommunalpolitiker, ein rebellisches Chaos zu schaffen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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