Mon BERLIN : Wer sein Leben liebt, der schiebt (in Paris sein Fahrrad)

In Berlin sind die Fahrradfahrer zweirädrige Moralapostel, aber dafür gibt es hier schöne Radwege. Auf den Pariser Boulevards wartet der Tod.

Pascale Hugues

In meinem Leben bin ich schon so manches Risiko eingegangen. Ich bin durch ganz Westafrika getrampt. Auf dem Rücksitz eines Tandems habe ich mit Karacho die Nelsonstatue auf dem Trafalgar Square umrundet. Auf einem alten Fahrrad ohne Gangschaltung bin ich an einer steilen Felswand Cornwalls den Küstenpfad entlanggefahren. Ich liebe Seilbahnen und Sessellifte und würde nicht einmal vor einer Weltreise im Heißluftballon zurückschrecken. Ich glaubte, nichts könne mir Angst einjagen. Bis ich vorige Woche in Paris mein Leben aufs Spiel setzte.

Es war fünf Uhr nachmittags. Es war warm, ein Hauch von Freiheit lag über den großen Boulevards. Und ich sagte mir, dass es sehr angenehm sein müsste, mit dem Fahrrad durch Paris zu fahren, den Kopf in der Luft, die Beine in Bewegung. Dabei verabscheue ich seit meinem ersten Tag in Berlin diese Radfahrer, die mit der Rechtfertigung, sie würden die Luft nicht verschmutzen, glauben, sie dürften sich alles erlauben. Wenn man sich in Berlin ans Steuer setzt, fühlt man sich sofort als Krimineller. Und wehe dem Autofahrer, der sich auch nur einen Millimeter weit auf den Radweg vorwagt. Der Radler richtet sich hoch über dem Lenker auf, starr wie ein calvinistischer Prediger, und wirft ihm einen äußerst verächtlichen Blick zu. Der von Schuldgefühlen erdrückte Autofahrer macht sich ganz klein. Wollte er protestieren, würde er womöglich gelyncht werden. Ich hasse diese zweirädrigen Moralapostel …

Seit die Franzosen die Umwelt entdeckt haben, stellt Paris seinen Bewohnern Velibs genannte Mieträder zur Verfügung. In der ganzen Stadt findet man sie, an Leihstationen angekettet. Man muss nur seine Kreditkarte in eine Säule stecken, und schon kann man sich auf einem großen beigen Fahrrad ins Abenteuer stürzen. Und was für ein Abenteuer! Der Boulevard Saint Michel zur Stoßzeit. Nach zwei Minuten zittere ich am ganzen Körper, die Hände umkrallen den Lenker, die Augen starren auf die Straße, auf der Ausschau nach allen möglichen Gefahren: Ein Fußgänger überquert spontan die Straße, ohne nach rechts oder links zu blicken. Ein Taxichauffeur ist genervt, weil ein weiterer Besatzer sich auf der Spur aufhalten darf, die er bis jetzt nur mit den Bussen teilen musste. Ein Busfahrer wettert gegen die Ökofritzen im Rathaus. Ein vor Wut puterroter Verkehrsrowdy beschleunigt plötzlich, weil er im Stau nicht vorankommt.

In Paris trägt so gut wie niemand einen Helm. Selbst auf dem Rad muss man eine gute Figur machen, deshalb bevorzugen die Frauen im Sommer Minirock und hochhackige Sandalen. Ganz anders als die Berliner Radfahrerinnen, die auf dem Weg ins Büro angezogen sind wie die Hochrisikofahrer der Tour der France. Sehnsüchtig denke ich an Berlin, die unendlich breiten, leeren Alleen, die Radwege, richtige Miniaturstraßen. Ich denke an die respektierten roten Ampeln, an die selbstverständlich gewährte Vorfahrt. „Das ist eben das Problem mit dem Fahrrad in Paris“, erklärt mir ein junger Mann, ebenfalls mit Rad, mit dem ich an einer roten Ampel einen Schwatz anfange. „Kein Mensch hat vor irgendwas Respekt. Die Deutschen sind wenigstens diszipliniert. Paris ist nicht für Fahrräder gemacht. Im Grunde ist das hier ein Selbstmordkommando!“ Die Ampel springt auf Grün und wir beide stürzen uns dem sicheren Tod entgegen.

Auf der Ile de la Cité geht es ein bisschen besser. Es gibt weniger Verkehr, und sieben Minuten lang – ich habe auf die Uhr geschaut – gebe ich mich dem hinreißenden Gefühl hin, leicht wie eine Elfe dahinzufliegen, während vor meinen Augen Jahrhundert um Jahrhundert französischer Geschichte vorbeizieht. Die Conciergerie, Notre Dame, das Musée d’Orsay, die verschwommenen Umrisse der Défense-Türme, ganz fern im Dunst der Nachmittagshitze. Als ich jedoch das rechte Seine-Ufer erreiche, bin ich wieder in der Hölle gelandet und nun fürchte ich sogar, Opfer eines gewissen Verfolgungswahns zu werden. Hat diese Dame mit dem Gipsbein, die mir da entgegenhumpelt, mir nicht komplizenhaft zugelächelt? Ich bin fest überzeugt, dass sie sich das Bein bei einer Tour mit dem Velib gebrochen hat und mich jetzt warnen will: „Seien Sie bloß vorsichtig! Hier sehen Sie, was Sie an der nächsten Kreuzung erwartet!“ Und dieser Fußgänger, der mir laut lachend zuruft: „Unselige! Sie wissen wohl nicht, dass es in Paris schon drei Tote gegeben hat, seit diese teuflischen Räder aufgestellt wurden?“

Hellseherische Fähigkeiten? Das Maß ist voll. Ich kapituliere. Wozu die Heldin spielen? Den Rest des Weges schiebe ich das Rad. Am nächsten Abstellplatz lasse ich mein unzähmbares Reitpferd stehen, dankbar, dass ich noch am Leben bin.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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