Mon BERLIN : Wie ich verlernte, Reinhard Mey zu lieben

Pascale Hugues, Le Point

Jeder kennt dieses Gefühl des Verrats. Man geht die Straße entlang, und plötzlich steht man vor der großen Liebe, die man mit 17 hatte. Er ist ein wenig kahl geworden, er hat einen Bauchansatz, er reitet nicht mehr mit rebellisch wehendem Haar auf seiner Velo Solex, er liest nicht mehr Boris Vian, stattdessen fährt er einen gebrauchten Renault Espace, arbeitet in einem Consultingbüro und liest die „Financial Times“. Wie die Zeit vergangen ist … Man verkneift sich eine entsetzte Grimasse. Verlegen schüttelt man einander die Hand und denkt, man wäre sich lieber nicht begegnet, dann wäre dieser Jugendtraum intakt und dunstig geblieben. In wenigen Sekunden verwelken die Erinnerungen, auf dem Bürgersteig, an dieser Ecke, wo der Zufall uns zusammengeführt hat. Der Schock ist umso heftiger, als man in seinen Augen die gleiche Enttäuschung liest.

In der Schule waren alle Mädchen aus meiner Klasse in Frédérik Mey verliebt. Er trug rote Hosen und eine Lederjacke und hatte eine Gitarre umgehängt. Er sang „Annabelle, ma Vénus intellectuelle“ und „Christine, ma belle, ma douce, ma jolie …“ Wir waren verzaubert. Genauso stellten wir uns die Liebe vor: ein blaugrüner Foulard, vor dem Kaminfeuer vergessen.

Mit solch romantischen Träumen waren auch wir ins Leben aufgebrochen! Und dann hatten wir Abitur gemacht, und plötzlich war Frédérik Mey aus der Mode. Im Radio wurden Annabelle und Christine nicht mehr gespielt. Frédérik Mey war verschwunden. Und hätte ich nicht in einem alten Portemonnaie seinen Namen aufbewahrt, den er nach einem Konzert hastig auf ein Kaugummipapier gekritzelt hatte (das einzige Stück Papier, das ich greifbar hatte, als ich ihn zitternd um ein Autogramm bat) – dann würde ich womöglich denken, dass Frédérik Mey nie existiert hat.

Bis vor einigen Tagen, als in einem Brandenburger Garten ein Benzinrasenmäher ihn brutal in mein Leben zurückbrachte und bei dieser Gelegenheit auch den Frieden eines Julinachmittags zwischen zwei Schauern zerstörte. Das Klacken der Gartenschere ist noch erträglich. Die Hammerschläge zur Not auch, ebenso das Krähen der Hähne, das Stöhnen des Windes in der großen Linde vor der Tür und die eiligen kleinen Schritte der Marder auf dem Dach. Aber Nachbar Müller, nackter Oberkörper, kariertes Hütchen, wie er seinen Black & Decker über den wie ein Golfplatz getrimmten Rasen schiebt! Zu Hilfe! Das ist einfach unerträglich!

Nun werden Sie mich fragen, worin der Zusammenhang zwischen Frédérik Mey und Herrn Müller besteht? Zwischen einer schlichten Gitarre und einem Rasenmäher? Frédérik Mey = Reinhard Mey. Er ist einer dieser Grenzgänger, eines dieser Doppelwesen. Frédérik Mey, der das Französische Gymnasium in Berlin besuchte, erlebte im Frankreich der 70er Jahre eine kurze, steile Karriere. Dann kehrte er nach Berlin zurück und wurde in Paris völlig vergessen. Eines Tages fand ich ihn an einer Ecke meiner Straße in Schöneberg: Quicklebendig lächelte er von Seite eins der „Bild“ herunter: immer noch die Lederjacke, ein ergrauter Dreitagebart und ein kleiner Ohrring, der jugendlich wirken soll. Das war wirklich nicht mehr mein Fall. Er drohte damit, seine Nachbarn auf Sylt vor Gericht zu zerren, weil sie zu jeder beliebigen Tageszeit ihren Rasen mähten, ohne auf seine schöpferischen Eingebungen Rücksicht zu nehmen. Frédérik Mey verurteilte den „ständigen Lärmterror“ und geißelte diese „Gartennazis“. Der Barde meiner 17 Jahre, so dachte ich auf dem Bürgersteig in Schöneberg, wo ich wie versteinert stehen geblieben war, ist ein Spießer geworden. So ist es, wenn man alt wird: Am Ende macht man die Revolution dann doch nur vor der Haustür. Ich stellte mir Frédérik Mey vor, wie er mit dem Chronometer in der Hand die Mittagsruhe überwacht. Ich sah ihn Punkt 22 Uhr zum Telefonhörer greifen, um die Polizei zu alarmieren: Die Nachbarn machen zu laute Musik! Schlimmer noch, ich sah ihn vor mir, wie er sich feige in seinem Bad versteckt und mit einem Löffel auf die Leitungen klopft, um seinerseits die lärmenden Nachbarn zu ärgern. Am liebsten hätte ich geweint.

Bis zu jenem schönen Nachmittag zwischen zwei Schauern in einem Garten in Brandenburg. Bis eine Black & Decker mein grünes Paradies zerschmetterte. Frédérik Mey kämpfte also weiter für die gute Sache! Danke, Herr Müller, denn Ihretwegen sieht die Liebe auch nach so vielen Jahren noch wie ein blaugrüner Foulard aus, vor dem Kaminfeuer vergessen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben