Muslime in Deutschland : Gratulation! Zur Moschee in Berlin-Heinersdorf

Der Koran wird aus versteckten Fabriketagen in für alle sichtbare, große Häuser getragen. Für die einen ist das ein Symbol dafür, dass die Muslime in Deutschland angekommen sind - für andere Ausdruck einer unüberwindlichen Fremdheit.

Claudia Keller

Zwischen Kentucky Fried Chicken und Kfz-Werkstätten wirkt der Bau der neuen Ahmadiyya-Moschee in Berlin-Heinersdorf wie eine echte Schönheitsoperation. Das gilt auch für die wohl bislang größte Moschee in Deutschland, die nächste Woche im Schatten der Hochöfen von Duisburg-Marxloh eröffnet wird. Die neuen repräsentativen Moscheen sind mit ihren Kuppeln und Minaretten ein Stück osmanischer Sehnsuchtsarchitektur. Der Wunsch nach Heimat hat genauso mitgebaut wie der nach Ferne, Exotik und wohligem Kitsch.

So werden die Gebäude auch wahrgenommen. Dass der Koran aus versteckten Fabriketagen in für alle sichtbare, große Häuser getragen wird, ist für die einen Symbol dafür, dass die Muslime in Deutschland angekommen sind. Für andere aber sind die neuen Kuppeln und Minarette steingewordener Ausdruck einer unüberwindlichen Fremdheit von Menschen, denen der Glauben so viel wichtiger scheint als den Christen. Die Muslime eröffnen Moscheen, während Katholiken und Protestanten Kirchen schließen.

Schätzungsweise 2600 Moscheen gibt es in Deutschland, etwa 150 kann man an ihrer osmanischen Gestalt als solche erkennen. Die rund drei Millionen Muslime in Deutschland leiden aber nicht unter Platzmangel. Die neuen Großmoscheen sind überdimensioniert, geht man von der Anzahl der tatsächlichen Beter aus. Wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung vor kurzem ergab, sind die Muslime in Deutschland im Schnitt zwar religiöser als die Christen, aber zum Freitagsgebet gehen nicht mehr von ihnen als Katholiken sonntags in die Kirche. Die neuen Moscheen sind – da haben deren Kritiker recht – durchaus auch als trotziges Ausrufezeichen gebaut: Hier sind wir!

Was hinter dem Ausrufezeichen gepredigt und gelebt wird, ob bei den Ahmadiyya in Berlin oder bei den Sunniten in Duisburg und Köln, ist ungefähr so modern, wie es die CSU in den fünfziger Jahren war. Frauen und Männer beten und feiern getrennt, die Frau fragt zuerst den Mann, ob sie sich eine Arbeit suchen darf. Die meisten Europäer heute und hier haben andere Vorstellungen von Gleichberechtigung, Partnerschaft und Diskussionskultur. Aber ein reaktionäres Weltbild ist noch längst kein ausreichender Grund, den Moscheebauern Grundstücke und Baugenehmigungen zu verweigern. Und ja, auch das stimmt: Mancher Moscheeverein unterhält Verbindungen zu zweifelhaften Organisationen. Das ist beunruhigend, aber ebenfalls kein Argument gegen ein neues Gebetshaus. Schafft nicht ein Gebäude, das für alle sichtbar ist, mehr Transparenz als jedes dunkle Vereinslokal in einer umgebauten Garage?

Dass im Namen des Islam anderswo auf der Welt Christen verfolgt werden, macht diese Religion nicht sympathisch. Besonders die Lage der Christen im Irak bereitet derzeit große Sorge. Aber so dramatisch die Situation auch ist, wie es Christen im Ausland ergeht, kann ebenfalls kein Maßstab sein, um Muslimen hier Moscheen zu verwehren. Im Gegenteil: Gerade weil andere Diktatoren des Glaubens sind, müssen wir die Fahne der Toleranz, Pluralität und Religionsfreiheit hoch hängen.

Man kann den Ahmadiyya, den Sunniten und Schiiten, die in Deutschland Gebetshäuser errichten, mit Kuppeln oder ohne, getrost zur Einweihung gratulieren. Gleichwohl sollte man sie nicht aus der Verantwortung entlassen, sich für gute Nachbarschaft zu engagieren, offen für Diskussionen und Andersdenkende zu sein und sich dadurch zumindest ein Stück weit für die Werte einzusetzen, die die neuen Bauten ermöglichen.

Ob die Jugendlichen der Ahmadiyya in Heinersdorf dann lieber zu Kentucky Fried Chicken oder in die Disko gehen als zum Beten, ob sie sich in zwanzig Jahren noch an die strengen Vorgaben der Imame halten werden, wird man sehen. Dass sich Katholiken und Protestanten durch den demonstrativen Glaubenseifer der Muslime angespornt fühlen, ist schon spürbar. Konkurrenz belebt das Geschäft. Auch in Glaubensdingen.

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