Meinung : Mutmacher machen müde

Wir betrachten die Dinge mit alten und jungen Augen

Hellmuth Karasek

Liebe Frau Kohlenberg, im Alter hat man das Gefühl, und zwar oft, etwas schon einmal erlebt, zwei Mal gehört und drei Mal erzählt zu haben. Manchmal stimmt das sogar, denn als diese Woche der neue Bundespräsident vor Bundestag und Bundesrat nach dem Eid seine Rede hielt, da erinnerte er ausdrücklich an die „Ein Ruck muss durchs Land gehen“-Rede seines Vor-Vorgängers. Und er machte den Leuten Mut und warnte vor weinerlicher Stimmung wie schon seine Vorgänger, die dabei saßen und nickten: Herzog, Rau, Köhler – sie alle wollen uns Mut machen, anspornen. Aber da sie es immer wieder mal tun, vor Egoismus warnen und, dass wir uns nicht nur auf den Sozialstaat verlassen sollen, das stimmt mich mutlos. Liegt das nur daran, wie oft ich das schon gehört habe? Die berühmte Blut-, Schweiß- und Tränen-Rede Churchills (die Mutter aller Hau-Ruck-Reden) funktionierte ja auch nur, weil England Hitler wirklich an der Gurgel hatte. Ist diese Woche ein Mut-Ruck durch Sie gegangen? Das fragt neugierig bewegt

Lieber Hellmuth Karasek,

waren Sie eigentlich ein guter Schüler? Okay, die Frage kommt etwas unvermittelt, ich erkläre es Ihnen. Ich war in der letzten Woche berufsbedingt abgetaucht. Die Reden, die ich da gehört habe, die klangen so: „Mensch Leute, ihr müsst auch mal ein bisschen Eigeninitiative entwickeln“, „Wenn du mir nicht sagst, was los ist, kann ich dir auch nicht helfen.“ „Wenn ihr euch ein bisschen mehr anstrengt, dann kriegen wir das hin.“ Na, wissen Sie wo ich war? Na gut, noch ein Tipp: „Komm, du weißt doch sicher was sieben mal neun ist.“ Die Sätze hat ein Lehrer seiner Hauptschulklasse gesagt, immer und immer wieder. Der hat geruckelt, dass Sie wahrscheinlich jeden Mut verloren hätten. Der Lehrer sagt, nur wenn man die Mini-Reden ständig wiederholt, werden sie ernst genommen und bleiben hängen. Wie beim Vokabeln lernen eben. Vielleicht ist ja an Horst Köhler einfach ein guter Lehrer verloren gegangen, und Sie waren schon immer ein aufsässiger Schüler. Ihre Kerstin Kohlenberg

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