My BERLIN : Der Preis der teuren Schrippen

Die Nerven sind ein wenig angeraut, weil die Inflation im vergangenen Monat 2,4 Prozent betrug, aber nur ein Hysteriker würde das als Krise deuten. Und trotzdem ist die Angst vor der Inflation ein starker emotionaler Faktor in diesem Land.

Roger Boyes

Seit 32 Jahren bin ich jetzt Auslandskorrespondent – länger, als die meisten meiner Vorgesetzten alt sind. Als denen noch der Haferbrei aufs Lätzchen tropfte, spekulierte ich an einer Telexmaschine über die Gesundheit von Leonid Breschnew (er starb). Zu den vielen journalistischen Fähigkeiten, die ich in jenen Jahren nicht erwarb, gehört die Kunst des politischen Interviews.

Lech Walesa löste aus lauter Langeweile Kreuzworträtsel, während ich ihn befragte. Vaclav Havel fing so furchtbar an zu husten, als ich in seine Wohnung kam, dass seine Frau Olga wütend das Interview beendete und mir vorwarf, eine Allergie ausgelöst zu haben. Und dann gab es noch Jörg Haider, zu Beginn seiner Karriere und relativ unbekannt: Haider war in einer berüchtigten Wiener Bar mit einem von Gaddafis Söhnen gesehen worden. Ich wurde beauftragt, herauszufinden, was es damit auf sich habe. Gleichzeitig wollte mich der Jörgi davon überzeugen, dass er der Tony Blair Mitteleuropas sei. Das Ergebnis war ein langes, bizarres Gespräch und ein so gut wie unbrauchbares Interview.

Der Erfolg des politischen Interviews hängt vom perfekten Timing ab. Deshalb bin ich natürlich ein Bewunderer von Eugeni Xammar, dem katalanischen Journalisten, dessen Berichte aus dem Deutschland der 20er Jahre gerade erschienen sind („Das Schlangenei“, Berenberg Verlag). Xammar gelang es, Hitler kurz vor dessen Münchner Putsch 1923 zu interviewen – „er trägt einen Trenchcoat mit Gürtel (ich glaube, damit ist alles gesagt)“. Neidisch bin ich vor allem, weil er aus Deutschland zur Zeit der Hyperinflation berichten konnte. Hier ist etwas, was ich gerne geschrieben hätte: „Während des Krieges gab es in Deutschland zahllose Artikel aus Papier: Bettlaken, Strümpfe, Baracken, Teppiche, Männer- und Frauenkleidung. Nach vier Friedensjahren sind all diese Dinge nun wieder echt. Heute sind eigentlich nur noch die Servietten im Restaurant aus Papier – und die Mark. Vor allem die Mark.“

In wenigen Sätzen ist der Übergang beschrieben von der Knappheit der Kriegszeiten zu dem langsamen Verlust von Autorität, der mit einer zunehmenden Wertlosigkeit des Geldes einhergeht.

Deutschland hat naturgemäß kein Inflationsproblem mehr. Die Nerven sind ein wenig angeraut, weil die Inflation im vergangenen Monat 2,4 Prozent betrug, aber nur ein Hysteriker würde das als Krise deuten. Und trotzdem ist die Angst vor der Inflation ein starker emotionaler Faktor in diesem Land. Niemand, den ich treffe, schert sich um soziale Gerechtigkeit, das Thema, das aufgebauscht wurde, damit die SPD noch als Partei mit Verstand und Herz erscheinen kann. Aber jeder ärgert sich über die statischen Gehälter und die fühlbar steigenden Preise. Das Leben wird zu einem Kampf – und der Regierung scheint das gleichgültig zu sein.

Der Preis für Butter ist im vergangenen Jahr um 43 Prozent gestiegen, Milch um 13, Schrippen um 6, Benzin um 10 Prozent. Strom wird teurer, es gibt nun Studiengebühren, und die Mehrwertsteuer macht sich bemerkbar. Es hilft nicht, das alles auf die Globalisierung zu schieben. Ja, die Chinesen trinken mehr Milch, und, ja, das Barrel Öl kostet fast 90 Dollar. Die Tatsache, dass viele Inflationskräfte mehrheitlich nicht von uns beeinflusst werden können, ist nicht neu, aber auch nicht besonders tröstlich.

Die Stimmung bei meinem Bäcker ist fast vorrevolutionär: Argumente gehen hin und her, Petitionen werden unterschrieben. Sigmar Gabriel fordert den Grünen Punkt für Brötchentüten, im Namen des Klimaschutzes. Nichts wird das bringen, außer dass der Preis von Schrippen steigt und die Tüten weiter im Hausmüll landen. „Macht nichts“, sagt die Verkäuferin mit Berliner Ironie, „das Brot wird noch teurer, die Leute essen weniger, der Chef macht geringere Profite, ich werde nur noch halbtags angestellt und kann nicht mit meinem Sohn nach Malle fliegen. Puddingschnecke, Herr Boyes?“

Ich wette, dass die Stimmung sich in den nächsten sechs Monaten gegen eine Regierung wenden wird, die nicht in der Lage ist, den Menschen in Zeiten des Aufschwungs mehr zu geben. Das ist das wahre Dilemma der SPD. Sie muss sich als Wächterin der Geldbörsen beweisen, statt vergangene Hartz-Schlachten zu schlagen. Der einzige Weg, den normalen Menschen wieder mehr Macht über ihr Leben und Haushaltsbudget zu geben, sind Steuersenkungen. Dazu sind sie aber nicht bereit.

Steigende Preise können sehr schnell zu Unmut gegenüber der politischen Klasse führen. Man muss keinen Trenchcoat mit Gürtel tragen oder aus Kerners gemütlichem Studio herausgeschmissen werden, um diese kleine historische Lektion zu verstehen.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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