Meinung : MY BERLIN Preußischer Verfolgungswahn

Roger Boyes

Das zumindest habe ich verstanden: Auf die vorgeblich unschuldige, aber in Wahrheit äußerst politische Frage „Wie geht’s?“ gibt es nur zwei Antworten. Einmal die angelsächsische Variante – „prima, und selbst?“ Im Schach wäre das die sizilianische Verteidigung. Man eröffnet das Gesprächsspiel, ohne etwas Entscheidendes preiszugeben. Die Alternative ist der so genannte Berliner Gegenangriff: eine lange Leidenschronik im Ton eines Polizeiprotokolls. Dafür spricht – wie bei so vielem in Berlin – nur, dass er ehrlich ist.

Ich hatte schon bessere Wochen in Berlin. Zum einen wurde ich von einer Zecke gebissen, möglicherweise im Grunewald, möglicherweise im Kleistpark, mit Sicherheit in den Knöchel. Mein zuverlässiges Horoskop in der „Bunten“ („Gemeinsam räumen Sie ein Problem für immer aus der Welt“) hatte davon nichts erwähnt. Auch nichts von Schüttelfrost und Gliederschmerzen. Als ich die Arztpraxis in der Giesebrechtstraße verließ, hätte eine blinde Frau, die mir ihren Volvo ins Knie rammte, fast geschafft, was der Zecke nicht gelungen war. Volvo-Fahrer sind gefährlicher als Saddams Republikanische Garden. Sie glauben, ein schwedischer Airbag erteilt die Lizenz zum Töten.

Mitte der Woche fühlte ich mich gut genug, um ins „Borchardt’s“ zu gehen (Horoskop der „Bild am Sonntag“: „Bis Mittwoch sollten Sie keine Risiken eingehen. Ab Donnerstag geht’s dann weiter mit Volldampf voran.“) Warum esse ich überhaupt in dieser Scheune? Jede Regierung hat das Restaurant, das sie verdient. Aber andere sollten es besser wissen. Warum hat Sabine Christiansen ihren Salon dorthin verlegt? Sicher nicht wegen des Essens: Sie sieht inzwischen bald aus wie ein Röntgenbild. Sogar Udo Walz wird dünner. Donnerstagmorgen hatte dann auch ich Gewicht verloren, nachdem ich mich die ganze Nacht übergeben hatte. Der Rucola, die Lammkoteletts, die Rückkehr der Zecke?

Nach Angriffen auf Knöchel, Knie und Magen ging ich im zweiten Teil der Woche auf Nummer sicher und kochte zu Haus. Ein Fehler. Bei Reichelt kam eine Frau mit dem Gesicht einer britischen Polizeiwachtmeisterin auf mich zu und kläffte: „Wie können Sie es wagen, irakische Kinder umzubringen?“ Ich weiß nicht, was mich daran am meisten aufgeregt hat. Vielleicht die Vorstellung, dass ich dem Verrückten im Tagesspiegel (siehe oben) zum Wiedererkennen ähnlich sehen könnte. Oder die Tatsache, das die Kassierer auf Seiten der durchgeknallten Frau standen und nicht auf meiner. (Wer mag schon Kindermörder?) Vielleicht aber auch die Unterstellung, dass ich eine besondere Abneigung gegen irakische Kinder hegen würde – wo ich doch alle Kinder hasse, egal welcher Rasse oder Religion. Sie sind hinterhältige Zwerge. Und obwohl ich es natürlich ablehne, dass man ihnen etwas zu Leide tut, glaube ich, dass der biomedizinische Fortschritt Kinder überflüssig gemacht hat.

Während ich meine Tüten packte, sah ich durchs Schaufenster, wie die Frau in einen Volvo einstieg. Zu meinen physischen Zipperlein gesellte sich Verfolgungswahn. In Preußen paranoid zu sein, heißt, im Besitz aller Fakten zu sein. Wie geht’s? Fine, just fine. Und selbst?

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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