Meinung : MY BERLIN Verrückte in der Hitze der Nacht

Roger Boyes

Es ist drei Uhr morgens. Alle anständigen Berliner schlafen in ihren Betten. Alle bösen Berliner schlafen in ihren Betten. Was Klaus Wowereit macht, weiß ich nicht, interessiert mich ehrlich gesagt auch nicht. Aber liefe er hier die Kantstraße lang, auf Höhe der Paris Bar, ich würde ihn anhalten und sagen: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ So wie die Penner heutzutage. Die fragen auch nicht mehr „Haste mal ’nen Euro?“ Die wollen lieber Aufmerksamkeit als Geld. Weil sie verrückt sind. Die meisten Obdachlosen in Berlin sind klinisch verrückt: psychotische, schizophrene, schwer gestörte Alkoholiker. Und um drei Uhr morgens hat man den Eindruck, sie kontrollierten die Stadt.

Genau dort, wo ich Klaus Wowereit getroffen hätte, wäre er wach gewesen, genau dort kommt mir ein Mann entgegen, der einen Einkauswagen mit blauen Müllsäcken vor sich her schiebt. Er redet mit sich selbst, wie der Mann bei Meyer Beck, der von seiner Frau zum Einkaufen geschickt wurde und nicht mehr weiß, was für ein Waschmittel er kaufen sollte. War er aber nicht: Er war auf der Kantstraße, einer langen, leeren Straße.

Die Hitze der nächtlichen Stadt hatte die Obdachlosen herausgelockt. Später, im Taxi, sehe ich, wie eine Frau in einem großen, teppichartigen Wollmantel – ihrem Schlafanzug – vor einem Schuhladen volltrunken einen Gefährten anbrüllt. Durchs Rückfenster sehe ich, dass der Gefährte gar nicht existiert. Später, in der Nähe vom Ku’damm, glaube ich den „Motz“-Verkäufer wiederzuerkennen, den ich wegen einer Verschwörung zum britischen Botschafter bringen sollte. Damals drohte er, die Augen meines Hundes auszudrücken.

Ich habe nichts gegen Verrückte. Sie sind Teil meines Jobs. Manchmal erkenne ich sie daran, wie die Adresse auf dem Briefumschlag getippt wurde, oder am freundlichen, beharrlichen Ton eines Anrufers. Zwei Jahre lang rief mich jemand aus Bayern an, um mir mitzuteilen, dass die Polizei seinem Arzt befohlen hat, seine Herzmedikamente zu manipulieren, dass er stirbt. Er war davon überzeugt, dass Helmut Kohl sein Trinkwasser vergifte. Normalerweise gebe ich solchen Leuten die Nummer vom „Daily Telegraph“.

Doch ein Senat, der für sich in Anspruch nimmt, ein soziales Gewissen zu haben, sollte sich des Problems annehmen. Niemand sollte mehr auf den Berliner Straßen schlafen müssen. Es gibt genug Betten in einem mangelhaften, unterfinanzierten, aber normalerweise effizienten Versorgungssystem. Die „Motz“ hat es geschafft, dem Betteln eine gewisse Würde zurückzugeben. Die meisten sind Leidtragende des Prinzips, dass Menschen nicht ihr gesamtes Leben eingesperrt gehören. Betten für Geisteskranke wurden gestrichen, Patienten zu ihren Familien zurückgeschickt. Aber viele sind noch immer schwer krank. Sie sollten versorgt werden.

Wenn ich heute durch Berlin gehe, bemerke ich mehr verrückte Frauen als noch vor vier Jahren. Viele Ossis, denn auch in den neuen Ländern schließen die Kliniken. Normalerweise sieht man die Obdachlosen nicht, sie schlafen in Parkhäusern (schon mal über die Scherben neben dem Auto nachgedacht? Den Uringeruch im Fahrstuhl?). Und jetzt, in der Augusthitze, patroullieren sie die nächtlichen Straßen. Beschädigte Menschen, die Hilfe brauchen.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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