Meinung : Nach dem Angriff: Strategie gegen die Angst

An dem Tag, an dem Europa, an dem Deutschland über den Anschlag auf die zivilisierte Welt trauert, erreicht uns die Meldung, dass es nicht nur drei oder vier, sondern vielleicht sehr viel mehr deutsche Opfer gibt. An diesem Tag, an dem sich allein in Berlin Hunderttausende treffen, um sich in ihrer Trauer des Gefühls der Verbundenheit, der Zusammengehörigkeit zu vergewissern, steigt die Angst, anstatt dass wir sie besiegen. Denn in die Trauer hinein stellt sich immer wieder diese Frage: Ist Krieg?

Kinder, Jugendliche, ältere Menschen, alle sind bestürzt. Alle zeigen es. Und mit einem Mal haben alle die unheimliche Vorstellung von Gefahr, die sonst nur bei den Jüngsten vorherrscht. Amerika ist nicht fern, die Fernsehbilder bringen es uns nah. Noch näher rückt uns das Attentat, weil die Täter möglicherweise aus Hamburg anreisten; und weil es vermutlich mehr deutsche Opfer gibt als zunächst gedacht. Wir suchen Beruhigung, indem wir uns das Ungeheure weltpolitisch erklären. Wir lernen immer mehr über die USA, über Rechtsextreme, über Terrorismus, auch mehr über arabische Staaten und die friedliche Tradition des Islam, über Bereitschaft zur Hilfe, Solidarität. Die Welt rückt zusammen, auf den Seiten der Zeitungen und im Bewusstsein. Und je mehr politisch erläutert, eingeordnet wird, desto eher werden die Ängste überwunden. Hoffen wir.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Fotostrecke I: Der Anschlag auf das WTC und das Pentagon
Fotostrecke II: Reaktionen auf die Attentate
Fotostrecke III: Rettungsarbeiten in New York
Fotostrecke IV: Trauerkundgebung am Brandenburger Tor
Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Was wir erleben, ist nach dem internationalen Völkerrecht kein Krieg. Da ist Krieg ein bewaffneter Konflikt zwischen Staaten, mit Fahnen, Uniformen, Truppenaufmärschen, mit einem fassbaren Kriegsgegner, einer Kriegserklärung. Nach dem Völkerrecht hat ein Krieg Regeln. Krieg ist auch rational. Das, was Amerika erlebt, entspricht dem nicht. Das ist nicht der Golfkrieg. Es war keine Armee, sondern ein Trupp Fanatiker, der einen frontalen Angriff gestartet hat: einen auf das Herz westlicher Kultur. Was geschehen ist, war keine Schlacht, sondern ein Akt der tiefsten Demütigung. Amerika ist durch Schläge gegen das World Trade Center und gegen das Pentagon nicht zu besiegen. Das musste den Attentätern klar gewesen sein. Aber das Selbstbewusstsein der großen Nation sollte durch den Anschlag auf seine Symbole der Größe, der Überlegenheit erschüttert werden. Er sollte die Moral treffen. Er soll Amerika provozieren und in der Folge als unmoralisch entlarven.

Die Reaktion des amerikanischen Präsidenten ist eine Rhetorik der Empörung. Er drückt sie aus in Worten: "Krieg gegen den Terrorismus". Das trifft es - als Metapher für das Gefühl einer verwundeten Nation. Was Amerika fühlt, ist der Wunsch, mit Härte und Entschlossenheit dieser größten Kränkung entgegenzutreten, die der letzten Supermacht zugefügt worden ist. Das Gefühl eint uns, in Europa und mit Amerika. Aber deshalb befindet sich niemand, zumal in Deutschland, im Kriegszustand. Auch dann nicht, wenn wir den Amerikanern im Bündnis Beistand leisten, wobei immer gilt: Keine demokratische Regierung kann sich totalitär zur Wehr setzen. Um ihrer selbst willen, und um der gemeinsamen Werte willen. Sonst folgt sie der Logik der unsichtbaren Gegner.

Wir sind nicht im Krieg. Selbst wenn militärische Schläge das Gebot der Stunde sein sollten. Unsere Aufgabe ist langfristig, erfordert eine Doppelstrategie. Das eine ist die Abschreckung: Terroristen müssen verfolgt werden. Das andere ist Politik, ist Diplomatie, ist Verständigung. Je mehr zum Beispiel die Araber den Eindruck haben, dass der Westen auch ihre Kultur, Werte und Ehre achtet, desto weniger Unterstützung werden die bin Ladens dieser Welt erfahren. Was bleibt auch sonst. Die Trauer?

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