Nach den Äußerungen von Thomas Strobl : Und immer lockt der Nazi-Vergleich

Mal banalisiert er das Original, mal dämonisiert er die Vergleichsperson. Selten ist er treffend. Aber immer hat er Konsequenzen - der Nazi-Vergleich.

von , und Thomas Friederich
hitler
Die Hitler-Figur im Berliner Wachsfigurenkabinett -Foto: dpa

Der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl hat die NS-Vergangenheit von Sittlers Vater mit dem Engagement des Schauspielers und "Stuttgart 21"-Gegners Walter Sittlers gegen das umstrittene Bahnprojekt "Stuttgart 21" in Verbindung gebracht. Inzwischen hat sich der Politiker bei dem Schauspieler entschuldigt.

Der Vergleich ist natürlich hanebüchen, aber erinnert eindrücklich an Godwins Gesetz: "Im Verlauf einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit eines Vergleichs in dem die Nazis oder Hitler einbezogen sind eins." Soll heißen: Je länger eine Diskussion im Netz dauert, je wahrscheinlicher wird der Nazi-Vergleich. Bei langen Diskussionen muss man damit rechnen, dass ein solcher Vergleich gezogen wird. Aber die Hitler-Vergleiche sind nicht auf Online-Diskussionen begrenzt.

Der Nazi-Vergleich ist eine verbale Keule, die weltweit gerne und gewiss bewusst ausgepackt wird. Eine lückenlose Dokumentation der publizierten Nazivergleiche würde mehrere Bücher von Telefonbuchstärke füllen. Hier eine willkürliche Auswahl.

BILLARD

Ajatollah Khamenei, Irans oberster geistlicher Führer, sagt, Georg W. Bush ist Hitler (2007), gleichzeitig sagt er, Saddam Hussein ist Hitler. Damit geht er konform mit George Bush senior, der bereits am 8.11.1990 sagte, Saddam ist Hitler. Der Junior sagt das auch, sagt aber auch, dass Osama bin Laden Hitler ist (2006). Hugo Chavez, Venezuelas Präsident, sagte im Mai 2008, Merkel ist Hitler. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld aber hatte schon 2006 festgestellt, dass Chavez selber Hitler ist.

KLASSIKER

Altbundeskanzler Helmut Schmidt nannte Oskar Lafontaine 2008 in einem Atemzug mit Adolf Hitler. Helmut Schmidts Attacke auf Lafontaine hat einen historischen Hintergrund. 1982 spricht Lafontaine, der saarländische Landesvorsitzende der SPD, im Zusammenhang mit Schmidt von dessen Hang zu Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Und fügt an: „Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“

Klassisch auch die Attacken auf Saddam Hussein. Mit seiner Rede vom November 1990 verschaffte Präsident Bush dem Saddam-Hitler-Vergleich eine weltweite Resonanz. Wie ein Forschungsinstitut ermittelt hat, wurde Saddam Hussein in den US-amerikanischen Printmedien in der Zeit bis zum Kriegsbeginn 1170 mal mit Hitler verglichen.

Von dem Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger stammt die Formulierung, man müsse in Saddam Hussein einen „Wiedergänger“ Hitlers sehen, also einen Diktator des Orients, der im Grunde genommen genauso schlimm sei wie der deutsche (2001).

Auch ein Klassiker: „Gorbatschow ist ein moderner Kommunistenführer. Er versteht etwas von Public Relations. Goebbels verstand auch etwas von Public Relations. Man muss die Dinge doch auf den Punkt bringen.“ Sagte Bundeskanzler Helmut Kohl während einer USA-Reise im Oktober 1986. Der Forderung der Grünen nach sofortigem Rücktritt kam der Kanzler aber dann doch nicht nach.

Die Justizministerin Herta Däubler- Gmelin bringt im September 2002 die harte Haltung von Bush gegen Saddam Hussein mit Adolf Hitler in Verbindung. Mit dem Irakkrieg wolle Bush von innenpolitischen Problemen ablenken. Solche Ablenkungsmanöver seien eine „beliebte Methode seit Adolf Hitler“, so die Ministerin. Die Empörungswelle trieb Däubler-Gmelin zum Verzicht auf ein Ministeramt.

HIN- UND RÜCKSPIELE

Mitunter wird der Nazivergleich wie ein Pingpongball hin- und hergespielt. Am 5. Februar 2006 machte Kanzlerin Angela Merkel auf der Sicherheitstagung in München den Aufschlag: Mit Blick auf die iranische Atompolitik erinnerte sie an die Unterschätzung des nationalsozialistischen Zerstörungswillens durch die westlichen Demokratien (Appeasement). Damit, so Beobachter, rückte sie den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der den Holocaust leugnet, in die Nähe Hitlers. Drei Tage später schmetterte der Iran zurück: „In ihren kindlichen Träumen sieht Merkel sich als Hitler und glaubt, dass sie jetzt, da sie im Kanzleramt sitzt, der Welt und den freien Ländern ihre Befehle erteilen kann“, sagte Sejjed Massud Dschasajeri, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Revolutionsgarden.

KIRCHE

Welch offener Geist der Kölner Kardinal Joachim Meisner ist, hat er erst kürzlich unter Beweis gestellt, als er mit der etwas freidenkerischen Fürstin Gloria von Thurn und Taxis durch die Talkshows tingelte. So einer vergleicht auch gerne. Und zwar die Abtreibungspille RU 486 mit Zyklon B. „Es wäre eine unsägliche Tragödie, wenn sich am Ende dieses Jahrhunderts die chemische Industrie ein zweites Mal anschicken würde, in Deutschland ein chemisches Tötungsmittel für eine bestimmte, gesetzlich abgegrenzte Menschengruppe zur Verfügung zu stellen.“ Das Thema ist ein wenig das Steckenpferd des Kardinals. Sechs Jahre später, im Januar 2005, sagte er: „Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.“

Die Kirche selbst indes ist auch nicht nazifrei, nicht einmal der Papst. Benedikt nämlich hielt im November 2006 eine Rede, in der er einen byzantinischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert zitierte, der dem Propheten Mohammed vorwarf, nur Übles produziert zu haben, vor allen Dingen die Maxime, den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten. Die Reaktion des stellvertretenden Vorsitzenden der türkischen Regierungspartei AKP, Salih Kapusuz, ließ nicht lange auf sich warten: Der Papst sei mit seinen Worten „in derselben Kategorie mit Führern wie Hitler und Mussolini in die Geschichte eingegangen.“

Umgekehrt war allerdings auch Kardinal Karl Lehmann einst nicht zimperlich, und zwar im November 2001. Man stehe bei Osama bin Laden „vor einem abgründigen, nicht aufklärbaren Rätsel, wozu der Mensch fähig ist. Bei Hitler war das auch so.“

EIN KESSEL BRAUNES

Nicht nur die Politik bemüht den Nazivergleich. Im Grunde genommen taugt er, beziehungsweise taugt nicht, in allen Lebensbereichen. Der Liedermacher Reinhard Mey ist eigentlich doch ein bedächtiger, umgänglicher und kluger Kopf. Aber er hat ein Haus auf Sylt und ein enormes Ruhebedürfnis. Das wurde im August 2002 empfindlich gestört: vom Lärm der Rasenmäher. Also beklagte sich der Sänger in einem offenen Brief an die Gemeindeverwaltung bitter über den von „Gartennazis“ erzeugten „Höllenlärm“. Von Kampen verlangt Mey nun, den „Lärmterror“ zu stoppen und den „Rasenmäherkrieg“ durch ein kommunales Mähverbot während der Urlaubszeit zu beenden; es gebe „ästhetisch und biologisch keine zwingende Notwendigkeit, das Gras im Sommer am Wachsen zu hindern“. Da mag er recht haben. Wahrscheinlich ist über den Wolken die Freiheit derart grenzenlos, dass man pingelige und pedantische Rasenmäher mit Nazis vergleichen darf, auch wenn, wer Rasen schneidet, nicht zwingend auch Köpfe abschneidet. Die Empörung übrigens schaffte es seinerzeit auf die Titelseite der „Bild“. Die ihrerseits natürlich schon oft mit dem „Stürmer“ verglichen wurde.

Auch Fereshta Ludin, deutsche Muslimin aus Baden-Württemberg, war heftig empört. Ludin trägt, wie sie sagt, aus religiösen Gründen ein Kopftuch, was sie auch in ihrem angestrebten Beruf als Lehrerin nicht abnehmen wollte. Deswegen wurde sie im November 2003 nicht in den Schuldienst übernommen. Ihr Kommentar: „Ich fühle mich wie kurz vor dem Holocaust.“

Die Tierschutzorganisation „People for the ethical Treatment of Animals“, kurz: PETA ist im Grunde eine ehrenhafte Gesellschaft. Aber ihre Kampagnen? Eine, 2003 in den USA erdacht, setzt den Mord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden mit dem Töten von Schlachttieren gleich. Gegen die Kampagne „The holocaust on your plate“ (Der Holocaust auf deinem Teller) gab es Proteste auf breiter Front, in den USA und in Deutschland. US-Fernsehsender weigerten sich, die dazugehörigen Spots auszustrahlen. Die im Internet abrufbare Kampagne stellt ausgemergelte Menschen in Konzentrationslagern in Text und Bild auf eine Stufe mit Hühnern oder Rindern im Schlachthof.

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