Meinung : Nach den Landtagswahlen: Hauptstadt? Bonn im Quadrat!

Berlin ist Gedränge. Die Nähe zwischen Macht und Medien ist gewachsen. Nicht zuletzt, weil es von beiden mehr gibt als in Bonn, mehr Journalisten und mehr, die am politischen Geschäft teilhaben wollen. Wo sich viele Menschen privat und beruflich dauernd um sich selber drehen, verschwimmt die Welt um sie herum. Der Bezug zum Horizont geht verloren. Nimmt sich die "politische Klasse" zu wichtig? Was ist wichtig? Inszenierung herrscht vor. Und wer sich nicht zu inszenieren versteht, droht unterzugehen im täglichen Mahlstrom der vermeintlichen Neuigkeiten? So gesehen ist Berlin: Bonn im Quadrat.

Wenn wir nach einem schlagenden Beleg für die Einschätzung suchen, dass Berlin, dass dieses Bonn im Quadrat dabei ist, zugleich ein Kunstprodukt zu werden, das als Wirklichkeit dargeboten wird - dann ist es die Wahl in Baden-Württemberg. Erwin Teufel wird Lehrmeister, nicht als Person, sondern als Typus: In diese Phase des Berliner Werdens hinein provoziert Teufel - nicht er allein, aber besonders er - mit seiner Wiederwahl eine Selbstvergewisserung. Ist der gewollte größer werdende Berliner Maßstab gegenwärtig dem Werden in der Republik entsprechend? Oder ist das gar nicht die Aufgabe einer Hauptstadt: widerzuspiegeln?

Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Bonn war so wie die Republik, anheimelnd, übersichtlich. Bonn war, anders als Berlin, mit keinem Komplex verbunden. Bonn war eine Stadt, die durch die rheinische Lebensart dafür sorgte, dass in diesem Umfeld Staatskunst oft wie Kleinkunst wirkte. Bonn war aber immer auch der Ort, wo Wolfgang Koeppen sein "Treibhaus" ansiedelte und Heinrich Böll seine "Frauen vor Flusslandschaften". Und Bonn war zugleich ein Ort, an dem die im wahren Sinne des Wortes "Abgeordneten" nicht länger als nötig verweilten, an dem sie sich nicht, wie in Berlin, in schierer Größe bewundernd verloren. Kleine Geschichten statt historischer Schauplätze. Dazu gesellt sich in Berlin noch Gestaltungswille - nicht allein architektonisch. Nein, die allermeisten Abgeordneten mochten Bonn, kehrten ihm aber zum Wochenende den Rücken und zurück zur manchmal existenziellen Unsicherheit oder Gewissheit derer, die sie vertreten. Berlin ist anders: eine Attraktion.

Klingt diese Erklärung auch eher profan, wahr ist sie trotzdem. Der andere Teil der Erklärung kann darin liegen: Diese Stadt ist seit einem Jahrzehnt rasant im Werden begriffen, mit Beginn des Umzugs, der zum Dauerzustand geworden ist. Berlin soll werden, nämlich wirkliche politische Hauptstadt, wirkliche kulturelle Hauptstadt. Inzwischen beansprucht Berlin Dominanz auf diesen Feldern, wenn auch der Anspruch nicht laut ausgesprochen werden mag.

Schon architektonisch zeigen die Bauten um den Reichstag als Ort der Vertretung der Bundesbürger den Maßstab und, nicht nur architektonisch, die Verführungen. Teufel bleibt Ministerpräsident in Stuttgart auch deshalb, weil er allem widerstanden hat. Oder so: weil er vor jeder Inszenierung geflohen ist. Er hat nicht die Schaustelle Berlin genutzt, um beliebig reproduzierbare Worte zu hinterlassen, sondern hat (aus Berliner Sicht) mit einem Eskapismus anderer Art gewonnen: Er hat in seinem Hunderte Kilometer entfernten Land erfolgreich auch gegen Berlin regiert. Gegen den Kanzler Schröder und gegen die Parteifreunde Merz und Merkel mit ihren fernen, entfernten Konkurrenzen.

Teufel hat, anachronistisch, ja geradezu nach der Methode Helmut Kohls, dem Begriff Macht durch seine physische Präsenz im Ländle das Großartige, aber auch das Großspurige, Ferne, Bedrohliche genommen. Er gilt - wie Kurt Beck und einstmals Helmut Kohl - in der Hauptstadt nicht als ministrabel. Aber es kann sein, dass sich eine Mehrheit ganz schlicht deshalb für Teufel entschied, weil sich seine Wähler nicht einflusslos Entscheidungen ausgeliefert fühlten. Teufel, die Verkörperung der Ungleichzeitigkeit - er ist ein Hinweis an das politische Berlin, dass es in einem anderen Takt schlägt als der Rest der Republik. Teufel ist die Gegenreaktion.

Das politische Berlin ist, das zeigen die Wahlen vom Wochenende, ein bisschen entrückt und verrückt geworden. Aber ist das nicht das Mindeste, was die Provinz von der Hauptstadt erwarten darf?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben