Meinung : Nachwuchspflege

Die Industrie will die Berufausbildung in die eigene Hand nehmen – und da gehört sie auch hin

Antje Sirleschtov

Würde in diesem Herbst wahr, was die deutsche Industrie jetzt diskutiert, nämlich die Versorgung aller Jugendlichen mit einem Ausbildungsplatz selbst in die Hand zu nehmen – es wäre doch wirklich zu schön. Zum einen natürlich für die jungen Menschen selbst: Sie verlassen im Sommer die Schule und brauchen eine berufliche Perspektive. Aber auch für die Regierung. Denn eine eigene Ausbildungs-Initiative der Wirtschaft versetzt den Bundeskanzler in die Lage, ohne Gesichtsverlust seine Drohung von der staatlichen Ausbildungsplatzabgabe wieder einzumotten.

Vor allem aber täten sich die Unternehmer selbst einen Gefallen. Denn die berufliche Ausbildung junger Menschen ist keineswegs ein sozialstaatlicher Luxus, den sich eine Gesellschaft entweder leisten kann oder eben nicht. Und sie zu gewährleisten ist auch nicht die primäre Aufgabe von Politikern. Berufsbildung ist vielmehr eine wesentliche Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Mittelständler, die sich im Wettbewerb der globalisierten Wirtschaft behaupten wollen, brauchen das Wissen und die Fertigkeit von gut ausgebildeten Menschen. Nicht nur heute, sondern auch noch in zehn Jahren. Und gerade in unserer schnell alternden Gesellschaft werden den Unternehmen Fachleute bald nicht mehr von selbst zufliegen. Wiegen sich die Unternehmen heute in der Gewissheit, dass „der Staat“ sich schon irgendwie um die Berufsbildung kümmern wird, droht ihnen daher morgen ein kostentreibender Kampf um das eigene Überleben.

Natürlich haben Industrieverbände wie der BDI oder die Industrie- und Handelskammern recht, wenn sie klagen, dass Steuerbelastungen und administrative Hürden die Ausbildung zu einer teuren Angelegenheit machen, vor der viele Unternehmen zurückschrecken. Und es ist auch richtig, wenn sie sich gegen die Idee von Gewerkschaftern und Sozialdemokraten zur Wehr setzen, per Zwangsabgabe Berufsausbildung regeln. Schließlich ist diese Gesellschaft ja gerade aufgebrochen, sich von staatlichem Dirigismus und Bürokratie zu befreien. Alles unheilvolle Gewohnheiten, die eine solche Zwangsabgabe totsicher fördern würde.

Umso besser also, wenn die Wirtschafts-Lobbyisten jetzt mehr für die Zukunft des dualen Ausbildungssystem tun wollen als nur zu werben und zu informieren. Die Industrie- und Handelskammern als Selbstorganisation der Wirtschaft wären der richtige Ort, um sicherzustellen, dass alle Jugendlichen einen Beruf erlernen können. Sie kennen die regionalen Bedürfnisse der Unternehmen am besten. Und mit der Zwangsmitgliedschaft aller Unternehmen hat ihnen die Politik bereits vor langer Zeit die Verantwortung übertragen und die Finanzierung sichergestellt.

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