Meinung : Nächstes Jahr in Suchumi

Revolution in Adscharien: Was Georgien und was Moskau hofft

Elke Windisch

Präsident Michail Saakaschwili preist den Machtwechsel in der autonomen Schwarzmeerregion Adscharien als „großen Schritt zur Wiedervereinigung Georgiens“. Der Landesteil gehört zu den wirtschaftlich stärksten, de facto jedoch hatte die Zentralregierung dort seit der Unabhängigkeit nichts zu sagen. Nun wurde der regionale Machthaber Aslan Abaschidse mit Straßenprotesten gestürzt – eine unblutige Revolution wie vor wenigen Monaten im Mutterland Georgien; dort musste Staatschef Schewardnadse nach Wahlfälschungen abtreten. Unter dem neuen Präsidenten Saakaschwili genießt Georgien eine ungewohnte internationale Aufmerksamkeit – und Sympathie. Die Menschen in Adscharien hoffen, dass auch für sie davon etwas abfällt.

In Georgiens Kassen fließt künftig ein Teil der Gewinne der adscharischen Häfen aus dem Handel mit der Türkei und den Ferienorten am Schwarzen Meer. Die durch Bürgerkrieg und Misswirtschaft verarmte Republik benötigt das Geld dringend. Aber weist Adscharien auch den Weg für die Eingliederung der anderen abgespaltenen Gebiete, Abchasien und Südossetien? Saakaschwili betont, es sei erstmalig in der ehemaligen UdSSR gelungen, Separatisten zu besiegen.

Es waren weniger die Massenproteste, die Adscharien-Herrscher Abaschidse in der Nacht zu Donnerstag zum Rücktritt bewogen. Saakaschwili hatte zweimal mit Russlands Präsident Putin telefoniert. Der schickte Igor Iwanow, Moskaus Ex-Außenminister und neuen Sekretär des nationalen Sicherheitsrates, um einen unblutigen Machtwechsel auszuhandeln. Insofern wiederholte sich Saakaschwilis „Revolution der Rosen“ in Tiflis vom November nun in Adscharien.

Mit anderen Worten: Moskau kontrolliert die Entwicklung. Jahrelang hatte es Schewardnadse als das geringste der potenziellen georgischen Übel betrachtet – und parallel die Separatisten unterstützt, um Tiflis zu schwächen. Nun macht Russland womöglich den Weg zu Verhandlungen mit anderen „Ausreißern“ frei – hofft jedenfalls Saakaschwili. „Irgendwann werden wir auch in Suchumi stehen“, sagte er in seinem Dank an Putin. Das ist die Hauptstadt Abchasiens, das sich 1992 von Tiflis losgesagt hatte.

Mittelfristig könnte auch das Tschetschenienproblem entschärft werden. Gemeinsame russisch-georgische Operationen in der Pankisi-Schlucht, dem von Tiflis nur bedingt kontrollierten Rückzucksgebiet der Tschetschenen, sind nun denkbar. Russland scheint entschlossen, im Kaukasus den ehrlichen Makler zu geben – um seinen Einfluss in der Region gegen Amerika zu behaupten.

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