Nahost-Konflikt : Reden mit dem Feind

Die moralische Entrüstung über Carters Initiative ist laut – und billig. Denn die Gesprächsverweigerung treibt die Verelendung des Gaza-Streifens und die Radikalisierung seiner Bewohner voran.

Andrea Nüsse

Zwischen Feinden sprechen die Waffen. Das ändert sich, wenn einer kapituliert. Kann aber keiner den anderen endgültig niederringen, muss man verhandeln, um eine Lösung zu finden. Notfalls auch, solange die Waffen nicht niedergelegt sind oder man den anderen nicht anerkennt.

Diese Erkenntnis ist uralt und hat sich in der jüngsten Geschichte bewahrheitet. Beispiel Nordirland: Die Einbindung der Sinn-Fein-Politiker, des politischen Arms der bombenden IRA, machte die Befriedung erst möglich. Auch im Nahostkonflikt gibt es einen Präzedenzfall: Während Israel Kontakte mit der PLO verbot, weil diese die Befreiung der gesamten palästinensischen „Heimat“ in ihrer Charter niedergelegt hatte, verhandelten Emissäre der Regierung heimlich in Oslo. Daraus hervorgegangen ist eine gegenseitige Anerkennung, die den bewaffneten Kampf beendete. Ohne Verhandlungen mit dem Feind wäre es nie dazu gekommen.

Trotz dieser Erfahrungen verweigern Israel, die EU und die USA jeglichen Kontakt mit der islamistischen Hamas, die 2006 auf saubere Weise die Parlamentswahlen gewann. Und sie attackieren den Friedensnobelpreisträger und amerikanischen Ex-Präsidenten Jimmy Carter, der am Wochenende mit der Hamas-Führung in Damaskus über eine Waffenruhe und Gefangenenaustausch sprach. Dabei hat Carter nur das getan, was auch Washington, Brüssel und Jerusalem tun müssten, wenn ihnen wirklich daran gelegen ist, Bewegung in die verfahrene Lage zu bringen.

Die moralische Entrüstung über Carters Initiative ist laut – und billig. Denn die Gesprächsverweigerung treibt die Verelendung des Gaza-Streifens und die Radikalisierung seiner Bewohner voran. Die Hamas wird durch Druck von außen nicht einlenken. Also Augen zu und weiter so? Die Vertreter der harten Hand gegenüber Hamas haben keine realistische Alternative anzubieten. Keinen Plan B, der es rechtfertigen würde, Gespräche mit einer der beiden Palästinenservertretungen abzulehnen.

Anders herum gefragt: Was haben der Westen und Israel zu verlieren, wenn sie mit der Hamas sprechen, um auszuloten, was praktisch machbar ist? Auch das könnte eine moralische Verpflichtung sein. Die Hamas ist dazu bereit – von Waffenruhe bis Gefangenenaustausch. Ohnehin gibt es jetzt schon eine Reihe praktischer Kooperationen zwischen den israelischen Behörden und israelischer Armee sowie der Hamas.

Das Treffen Carters wird wahrscheinlich keine konkreten Ergebnisse bringen. Denn der mutige Senior hat als Architekt des ersten Friedensabkommens zwischen Israel und einem arabischen Staat zwar noch moralischen Kredit, aber keine politische Macht mehr. Sein Engagement könnte dennoch zum Nachdenken anregen. In Israel zeigen Umfragen, dass die Bevölkerung Verhandlungen mit der Hamas befürwortet. Nun hat sich sogar ein israelischer Minister zum Treffen mit Hamas-Führern bereit erklärt. Vielleicht ist das ja der Anfang von weniger Entrüstung und mehr Pragmatismus.

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