Nato-Gipfel : Der Anfang von etwas

Ihr neues Konzept lässt keinen Zweifel daran, dass die Probleme der Welt nicht von der Nato allein und nicht allein militärisch zu lösen sind. Weshalb sich das Bündnis weltweit Partner suchen will - und Russland zum Mittun einlädt.

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Anders Fogh Rasmussen kam und sah. Und was er sah, war eine depressive, eine desorientierte Nato. Ein Bündnis auf Sinnsuche, das sich, zerstritten, zerrissen und zermürbt, in einer handfesten Identitätskrise befand: abgeschrieben als Auslaufmodell, verspottet als rüstiger Rentner auf der Suche nach einer Altersteilzeitbeschäftigung. Aber sie ist noch da, die Allianz, und sie wird es bleiben. Wenn auch anders, verändert.

An ihm ist es, dem 57-jährigen Dänen Rasmussen, der im August 2009 als erster amtierender Staats- und Regierungschef auf den Posten des Generalsekretärs wechselte, den Wandel anzustoßen, wenn nicht gar zu vollziehen. Er soll der Nato in schwierigen, ja schwierigsten Zeiten (man denke an Afghanistan: Ende offen), neues Selbstbewusstsein verschaffen. Ausgerechnet er, der von manchem Europäer argwöhnisch betrachtete Bush- Freund und Irakkrieger, soll das Bündnis zu neuer Stärke und Einigkeit führen, ihm Ziel und Richtung für die nächsten zehn Jahre geben.

Moderner, sparsamer und effizienter soll es werden. Mit einem Fitnessprogramm, das den Namen „Neues Strategisches Konzept“ trägt. Weniger Fett, mehr Muskeln lautet das Motto. Für das Papier hat sich Rasmussen, der sich mehr als General denn als Sekretär versteht, beraten lassen – und es dann höchstselbst in den Ferien auf der Terrasse eines Hauses in Südfrankreich geschrieben. Ob es dazu taugt, wie von Rasmussen schon vorab behauptet, dem Bündnistreffen in Lissabon das Etikett des wichtigsten Nato-Gipfels aller Zeiten zu verpassen, wird die Zukunft zeigen. Vieles bleibt vorerst ein Versprechen, zum Teil werden mehr Fragen aufgeworfen als Antworten offeriert. Mancher Widerspruch – Weltpolizist nein, globale Krisenintervention ja – bleibt unaufgelöst. Aber bemerkenswert ist das Papier allemal.

Schon weil es dem als hölzern und unflexibel geltenden Rasmussen gelungen ist, alle potenziell größeren Streitpunkte bereits vor dem Gipfel abzuräumen. Das ist nicht wenig für das spannungsreiche Bündnis, in dem die Amerikaner einen möglichen Truppenpool für ihre weltweiten Einsätze sehen, die Osteuropäer aber vor allem einen Schutz gegen etwaige russische Aggressionen.

Das Konzept bringt die Allianz auf die Höhe der Zeit. Das letzte Strategiepapier stammt aus dem Jahr 1999. Damals hatte die Nato 19, nicht wie heute 28 Mitglieder – und weder Piraterie, den islamistischen Terrorismus noch Cyber-Attacken aus dem Internet auf dem Bedrohungsradar. Es lässt keinen Zweifel daran, dass die Probleme der Welt nicht von der Nato allein und nicht allein militärisch zu lösen sind. Weshalb sich das Bündnis weltweit Partner suchen will.

Dass es dabei Russland zum Mittun einlädt – darin liegt die wahrhaft historische Dimension des Geschehens. Eine Riesenchance: Es ist nicht lang her, dass das notorisch (und nicht ganz unberechtigt) misstrauische Moskau sich durch die US-Pläne zur Stationierung eines Raketenabwehrschirms in Osteuropa düpiert und bedroht sah. Jetzt soll dieser Raketenschirm nicht nur von einem alleinigen US- zu einem gemeinsamen Nato-Projekt werden, sondern Russland sogar daran mitwirken. Dessen Präsident Medwedew weist das nicht zurück, sondern kommt zum Gipfel nach Lissabon – was eine kleine Sensation ist. Der Anfang von etwas, das der Anfang von etwas Größerem sein könnte. Noch ist es eher Hoffnung als Gewissheit, aber das mit immerhin gutem Grund. Und es wäre ein Sieg mit neuem Denken.

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