Meinung : Neue Taktik, altes Ziel

Von Moritz Schuller

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Der Irak steht vor dem Bürgerkrieg, seit drei Jahren. Mit der Zerstörung der schiitischen Askarija-Moschee in der nordirakischen Stadt Samarra ist dieses Szenario, mit allen dramatischen Folgen, die eine Aufspaltung des Iraks für die gesamte Region zur Folge hätte, jedoch ein wenig näher gerückt.

Der Anschlag trifft das Land in einer kritischen Phase, in der es um die Zusammensetzung der neuen Regierung geht – und dabei vor allem um die Beschneidung des Einflusses der schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Die Eskalation der Gewalt in den vergangenen Tagen ist keine zufällige Begleiterscheinung des politischen Machtkampfes zwischen Kurden, Sunniten und Schiiten – sie ist dessen gewaltsame Manifestation. Ziel des Anschlags ist es, eine Regierung der nationalen Einheit zu verhindern und das Land in den offenen Bürgerkrieg zu treiben.

Die Taktik der Terroristen hat sich geändert, sie zielte diesmal nicht wie in der Vergangenheit auf ein Maximum an zivilen Opfern, sondern nur auf die beiden Imame, die im Schrein von Samarra aufgebahrt sind. Wie groß die muslimische Empfindlichkeit bei religiösen Symbolen ist, haben die vergangenen Wochen vedeutlicht. Wie groß die Empörung und Wut unter den Schiiten nun sein dürfte, lässt sich daran ermessen.

Noch ist das Interesse der religiösen Führungsfiguren offenbar größer, den Bürgerkrieg zu verhindern, noch warnen die schiitischen Geistlichen vor Racheanschlägen auf sunnitische Moscheen. Es liegt an ihnen, die Gewalt zwischen den Volksgruppen voll zu entfachen – oder zu verhindern. Das haben die vergangenen drei, die Grenze zum Bürgerkrieg schließlich doch nie überschreitenden Jahre eindrucksvoll gezeigt. Je länger eine politische Einigung auf sich warten lässt, desto größer wird aber auch der Druck auf die moderaten unter den religiösen Führern.

Doch gerade die Rohheit, mit der die Spaltung der Konfessionsgruppen befördert werden soll, könnte auch das Gegenteil bewirken. Die rabiate Zerstörung eines muslimischen Heiligtums, oder säkular: eines nationalen Kulturerbes, macht deutlich, dass für das Land mehr auf dem Spiel steht als Menschenleben. Wie die Alternative zu einer politischen Einigung aussieht, ist jetzt plastisch zu besichtigen: Statt einer goldglänzenden Kuppel steht in Samarra nur noch eine Ruine.

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