Meinung : Neuer deutscher Widerstand

Der Scientologe Tom Cruise spielt Stauffenberg – und Berlin dreht durch.

Lorenz Maroldt

Gestern kam wieder eine freundliche Einladung von Scientology, mal kennenlernen, persönliches Gespräch, Räume anschauen, bestimmte Dinge erklären und so. Sorry, leider keine Zeit zurzeit, denn gestern kam auch ein freundlicher Beitrag von Florian Henckel Oscar von Donnersmarck über Tom Hubbard Cruise in der „FAZ“, 512 Zeilen, mit Umlauf, das muss man auch erst mal schaffen.

Donnersmarck wettert darin vehement gegen die „deutsche Verbotsgeilheit“, deretwegen Tom Cruise, weil er Scientologe ist, nicht im originalen Bendlerblock den Grafen Stauffenberg spielen darf. Das liest sich dann so wie ein wohlfeiler Antrag auf die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine These, mit der von ihm selbst deklarierten dichterischen Freiheit zum angepassten Detail verdichtet, lautet so: Kein Mensch ist nur gut, vielleicht nicht mal Florian Henckel von Donnersmarck; Stauffenberg war sogar ein bisschen ein Rassist und die edle Gräfin Yorck homophob, weshalb dem Superstar Cruise, der den Deutschen als Hollywoodwiderstandskämpfer gegen Hitler weltweit endlich und als Einziger das verdiente Ansehen verschaffen könnte, doch gerade von den Deutschen bitte nachzusehen sei, dass er der spinnerten Sekte eines mittelprächtigen Sciencefiction-Autors angehört, die ihr Geld staunenswerterweise mit dem Glauben daran verdiene, dass vor 75 Millionen Jahren ein Herrscher namens Xenu viele Milliarden seiner Untertanen in Vulkane geworfen und mit Wasserstoffbomben in die Luft gesprengt hat.

Vielleicht, resümiert der philosophierende Regisseur, vielleicht müssten wir einfach erkennen, „dass wir alle keine Götter sind“. Aber wirklich nur vielleicht.

Vom Staat erwartet Donnersmarck, dass dieser einen sicheren Rahmen bietet für die freie Suche jedes Einzelnen nach der inneren Wahrheit, und sei es, dass einer dazu Kontakt aufnehmen möchte zu den rastlosen Seelen der pulverisierten Opfer von Xenu. Diesen sicheren Rahmen sieht er offensichtlich ganz besonders in den eng definierten Grenzen des originalen Bendlerblocks, ganz so, als hätte Hollywood jemals ein Problem darin gesehen, Kulissen zu verschieben oder auch ganze Städte.

Wenn Cruise so gut ist, wie von Donnersmarck behauptet, dann kann er auf den Bendlerblock ebenso pfeifen wie auf die Kreuzberger Polizeiwache, wo er auch nicht drehen darf. Und wenn Cruise so groß ist wie von Donnersmarck lang, dann lacht er nicht mal über die perfekt gecasteten deutschen Politstatisten des Vorfilms, dann ignoriert er sie.

Cruise kann das – aber wir müssen mit ihnen leben, mit diesen ungesunden Volksempfindungserregern, die aus einem Historydrama ein Hysteriedrama machen und sich gebärden, als hätten sie selbst den State of Clear erfunden und nicht L. Ron Hubbard. Der Verteidigungsminister, die Baltikum- und Sektenexpertin der Union, Sozis, Freidemokraten – sie alle haben in einem heroischen Kampf den Bendlerblock erfolgreich gegen einen ganzen Scientologen verteidigt. Jetzt müssen wir nur noch den Film auf den Index setzen. Wäre ja noch schöner, dass Amis unsere eigene Geschichte spielen.

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