Meinung : Nicht die Liebe zählt

Die Vernunftehe erlebt ein heimliches Comeback – und sie ist stabiler als Beziehungen, die auf Romantik gründen

Ursula Weidenfeld

Die Hotelkauffrau Viola aus Augsburg brauchte nur ein paar Minuten, um den Mann fürs Leben zu finden: „Ich habe mich für Markus interessiert, weil wir 75 gemeinsame Punkte hatten, und außerdem war er Soldat, wie mein Vater.“ Schön auch, dass Viola sofort erkennen konnte, dass sich sonst niemand um Markus bewarb. Es gab keine Konkurrenz um den Mann. „Nach einigen Telefonaten haben wir uns am Kasernentor in Fürstenfeldbruck getroffen“, berichtet sie. Unter der Laterne, vor dem großen Tor – da sage einer, dass es keine echte Romantik mehr gibt im Leben. Zehn Monate später sind Viola und Markus verheiratet.

75 gemeinsame Punkte bei einem Internet-Partnerschaftsvermittlungs-Fragebogen, das heißt: Profil passt, Hintergrund stimmt, gemeinsame Interessen sind vorhanden, Partnerwunsch ist ernsthaft – so wird man schnell handelseinig. Das ist kalt, herzlos, zynisch? „Aber nein“, sagt der Kölner Soziologe Michael Wagner, die Partnerwahl verlaufe im Allgemeinen wesentlich rationaler, als man denkt. Herkunft, Zukunft, soziale Schicht, Konventionen – das seien nach wie vor die wichtigsten Gemeinsamkeiten, die Menschen suchen, wenn sie sich fürs Leben binden wollen. „Schließlich will niemand mit der Heirat sozial absteigen.“ Homogamie nennt man so etwas. Egal, ob man sich im Internet findet oder auf einer Party kennen lernt – ob man am Ende zusammenkommt und zusammenbleibt, ist eine Sache des Kalküls. Ziemlich vernünftig, das alles.

Über die Hintertür hat sie sich wieder eingeschlichen in das bürgerliche Leben der Europäer: die Vernunftehe. Kühler und rationaler als in den Jahrzehnten zuvor suchen bindungswillige Europäer ihre Partner fürs Leben. „Heute sind Liebe, Sexualität und Ehe verschiedene Dinge. Man muss nicht mehr heiraten, wenn man sich liebt oder miteinander ins Bett gehen will. Die Liebe ist nicht mehr der große Anlass für eine Heirat“, urteilt Wagner.

Und die Liebesehe, die körperliche Anziehung, die Chemie, die doch auch stimmen muss zwischen Partnern fürs Leben? Die ist auch noch wichtig. Ohne gegenseitige Anziehung kommt kaum eine freiwillige Beziehung zustande. Aber diese Liebe, so argumentiert der amerikanische Psychologe Robert Epstein, steuert man selbst: Wer sich verlieben will, verliebt sich auch. Weil Vernunftehen dazu noch wesentlich stabiler seien als solche, die sich ausschließlich auf Verliebtheit und Romantik gründen, empfiehlt Epstein die Beziehungsanbahnung über den Kopf. Weil man wisse, was man voneinander erwarten kann und was nicht, sei man am Ende eher positiv überrascht. Im Gegensatz zur Liebesheirat: Da ist man anfangs schwer verknallt und dann erst mal schwer enttäuscht, wenn sich die große Liebe doch als normal Sterbliche(r) entpuppt.

Das sind Beobachtungen, die Nicole Schiller, Single-Coach bei der Internet-Beziehungsagentur Parship (die, wie der Tagesspiegel auch, zum Holtzbrinck-Konzern gehört), ebenfalls gemacht hat. „Beim spontanen Kennenlernen verliebt man sich, ist fasziniert voneinander. Dann kommt die Phase der Desillusionierung, in der man beginnt, den Partner so zu sehen, wie er ist, auch mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten.“ Das Trennungsrisiko wächst. Bei eher rational gesteuerten Beziehungsentscheidungen läuft es umgekehrt: Man stellt fest, dass man zueinander passt, dass man dieselben Erwartungen hat, dass man sich miteinander wohlfühlt – „und dann guckt man, ob der Funke überspringt, ob man sich verliebt“.

Beziehungen, die über das Internet oder sehr offen rational entstehen, verlaufen effizienter, glaubt auch Wagner: „Es treten gezielt Menschen miteinander in Kontakt, die einen Partner suchen. Der Kontakt verläuft schneller, die gegenseitigen Erwartungen werden im Vorfeld abgeglichen. Das ist eine Rationalisierung und Standardisierung der Partnersuche.“

Das Enttäuschungsrisiko ist vergleichsweise niedrig, wenn die Partner sehr genau wissen, was sie voneinander erwarten können. Kein Wunder, dass vor allem indische Wissenschaftler am liebsten über die Vorzüge der Vernunftehe forschen: In Indien wird immer noch ein großer Teil der Ehen von Eltern und Eheanbahnern arrangiert, weltweit werden rund 60 Prozent aller Ehen gestiftet, schätzen Experten. Die indischen Forscher sagen, dass diese Ehen haltbarer und glücklicher sind als solche, die sich auf die spontane Anziehungskraft gründen.

Ohnehin ist die Liebesehe auch in Europa eine vergleichsweise neue Erscheinung. Mit der Aufklärung setzte sich in den Köpfen der Intelligenz der freie Wille als Kriterium durch, mit dem Sturm und Drang und der Romantik hielt dann auch noch das wahre Gefühl Einzug. Dennoch: Breiten Zuspruch fand die Liebesehe aber erst, seitdem es gesellschaftlich akzeptiert und ökonomisch verkraftbar ist, im Zweifel nicht zu heiraten. Bis dahin wurde in der Regel geheiratet, wer materielle Sicherheit und gesellschaftlichen Aufstieg versprach. Die beiden Kriege des 20. Jahrhunderts produzierten einen enormen Frauenüberschuss in Europa, die Weltwirtschaftskrise und die Währungsreformen vernichteten den Wohlstand, mit dem man sich die Liebe leisten kann. Erst seit den späten fünfziger Jahren ist sie wieder da und wurde zudem noch das Maß der Dinge: die reine Liebesheirat.

Keineswegs ein komfortabler Zustand. Denkt nämlich einer der Verliebten an eine ernsthafte Bindung, beginnen komplizierte und gelegentlich zermürbende Tarifverhandlungen. Kaum jemand fragt den anderen schließlich beim ersten oder zweiten Zusammentreffen detailliert ab: ob er auch wirklich heiraten will und ob deshalb weitere Investitionen in die Beziehung lohnend sind. Ob Kinder im Lebensplan enthalten sind, wer das teure Auto bezahlt hat oder ob sich der Partner vorstellen kann, von Berlin nach Detmold zu ziehen. Das versucht man so taktvoll wie möglich nach und nach herauszufinden – und sieht die tatsächliche Lage zunächst rosiger, als sie ist: Keine Kinder? Sicher überlegt sie sich das noch einmal. Stadtwohnung? Wenn er erst mal sieht, wie schön es mit einem Pferd, ein paar Hunden und Katzen auf dem Land ist. Immer weiter werden Liebe, Zeit und Hoffnung in die Beziehung investiert, obwohl der Interessenabgleich schnell zeigen würde, dass das Risiko des Scheiterns hoch ist. Ökonomisch ist das nicht, vertretbar nur, wenn man sicher ist, dass noch viele andere auf dem Markt sind. Diese Zuversicht schwindet mit dem Alter und der Erfahrung.

In Vernunftbeziehungen dagegen kommt so etwas gar nicht aufs Tablett. Detmold ist schon klar gemacht, bevor man sich persönlich kennen lernt. Wem Detmold wirklich nicht passt, der wird nicht einmal angeguckt. Manche Kunden der Beziehungsbörse gucken sich noch nicht einmal einen an, der nicht wie sie Golf mit einem niedrigen Handicap spielt, sagt Coach Schiller. So einfach ist das, wenn man das Beuteschema auf die wirklich entscheidenden Fragen nach Hobby, Bankkonto und Zahl der gewünschten Kinder verlagert. „Das Problem ist oft, dass wir nicht das wollen, was gut für uns ist. Und deshalb hinter dem Falschen her sind“, erklärt Maya, 35, Autorin, nach glücklicher Vermittlung an einen seriösen Herrn. Sie hatte eigentlich von Drehbuchautoren oder anderen Kreativen geträumt. Stattdessen wurden ihr immer nur Finanzbuchhalter vorgeschlagen. Sie fügte sich – und sagt, dass sie es „jetzt besser weiß“.

Je später die Familie gegründet wird, je älter die Partner sind, bevor sie sich für ein Kind entscheiden, desto stärker wird das Bedürfnis, bei der Partnersuche auf Nummer sicher zu gehen. Und je mehr man über den anderen weiß, desto geringer ist das Scheidungsrisiko.

Wenn man älter sei, fragt man sich selbst schon sehr genau, was man von einer ernsten Beziehung erwartet. „Die meisten werden toleranter, was die Erwartung an den anderen angeht, er möge sich im Alltag anpassen und ändern. Aber sie sind intoleranter, was ihre Erwartungen für sich selbst angeht. Sie machen weniger Kompromisse bei der Frage: Was tut mir gut?“, beobachtet Schiller bei der Partnervermittlung im Internet. Das Risiko für die ganz große Enttäuschung sinkt, die Chance für eine Aschenputtel-Karriere zur Prinzessin, ein Soziologen-Coming-out zum Märchenprinzen bleibt ebenfalls überschaubar.

Das wirkt sich auf die Scheidungsrate aus. Während gebildete Europäer in der Tendenz neuerdings länger verheiratet bleiben, weil sie sich ausführlicher prüfen, tragen Ungebildetere, die jung heiraten, ein höheres Risiko: „In anderen Ländern wie in Holland oder Schweden sehen wir das bereits in den Statistiken: Niedrige Bildung bringt ein klar höheres Scheidungsrisiko mit sich“, urteilt Wagner. Zu vermuten sei, dass es auch in Deutschland inzwischen Tendenzen in diese Richtung gibt, auch wenn die Statistiken bisher nur eine leichte Entspannung anzeigen: Die neu geschlossenen Ehen halten neuerdings etwas länger, bevor sie geschieden werden.

An dem allgemeinen Trend des wachsenden Scheidungsrisikos ingesamt hat das allerdings in Deutschland bisher kaum etwas geändert. Jede dritte Ehe wird geschieden. Das ist ziemlich viel, und das Scheidungsrisiko insgesamt steigt weiter. Es scheint so zu sein, dass auch bei der Trennung die Vernunft eine große Rolle spielt: „Wenn die Summe der Nachteile des Zusammenlebens größer ist als die der Vorteile, trennt man sich“, analysiert Wagner.

Denn auch Beziehungen, die sich auf Vernunft gründen, unterliegen den üblichen großen Scheidungsrisiken: Kinder, Arbeitslosigkeit, Schicksalsschläge. Insgesamt ist die Toleranz gegenüber unliebsamen Überraschungen dieser Art deutlich gesunken. Lässt der Wohlstand rapide nach oder wird der Partner wegen Arbeitslosigkeit zänkisch und depressiv, geht es schneller zum Scheidungsanwalt als früher. Kinder, das Motiv, mit dem sich vor allem viele Paare zwischen Ende 20 und 40 im Internet finden und flott vereinen, sind gleichzeitig auch das größte Trennungsrisiko: Wenn der Nachwuchs schreit und quengelt, wenn die Partnerin auf einmal zur mütterlichen Glucke verkommt – dann kennt der frustrierte Ehemann oft keine Toleranz: Er zieht aus.

Ein Forscherteam der Universität von Utah versuchte die Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, nach der Menschen in einer glücklichen Beziehung landen. Die Glücksforscher fanden heraus: Ob ein Paar am Ende glücklich wird oder nicht, hängt nicht von dem Grad der Verliebtheit am Anfang ab. Sondern es hängt davon ab, ob die Partner ein positives eigenes Familienbild haben. Grob formuliert: Wer mit seiner Herkunftsfamilie in Frieden lebt, der hat auch gute Chancen, selbst eine glückliche Ehe zu führen. Für die anderen sind die Aussichten weniger rosig: Die Forscher konnten zwar nicht vorhersagen, ob die Probanden sich schon vor der Ehe trennten, in der Ehe unglücklich waren oder sich scheiden ließen. Nur, dass die Befragten am Ende das große Los mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht erwischen, erscheint ihnen ziemlich sicher.

Vernunftbegabte können daraus den Umkehrschluss ziehen: Vor allem, wer als Mann eine glückliche und langlebige Beziehung anstrebt, ist gut beraten, auch die Beziehung seiner Partnerin zu Eltern und Geschwistern unter die Lupe zu nehmen. Frauen sollten sich mehr am Bildungsgrad als am Einkommen ihrer künftigen Lebenspartner orientieren: Je gebildeter der Mann, desto geringer das Scheidungsrisiko, je höher das Einkommen, desto stärker der Trend zur neuen Frau. Katholiken gelten den Scheidungsforschern immer noch als ziemlich sichere Bank. Wer katholisch ist oder wenigstens kirchlich geheiratet hat und/oder häufiger den Gottesdienst besucht, wird seltener geschieden als ein Konfessionsloser.

Natürlich heiratet heute kaum noch jemand einen anderen, ohne irgendein positives Gefühl für den Partner aufzubringen. Aber die Bereitschaft, positive Gefühle erst dann zu entwickeln, wenn der Wertekanon, die materielle und gesellschaftliche Basis stimmen, steigt.

Robert Epstein bot den Lesern der Zeitschrift „Psychology Today“ eine Wette – und sich selbst als Testperson – an. Nach zwei gescheiterten Ehen sei er bereit, eine Vernunftbeziehung aufgrund schriftlicher Bewerbungen einzugehen und zu beweisen, dass beide Seiten anschließend „positive Gefühle“ zueinander entwickelten. Epstein entschied nach der Papierform – und behauptet seitdem, es habe geklappt mit der glücklichen Beziehung. Jedenfalls im zweiten Anlauf.

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