Meinung : Nicht länger das Maß aller Dinge

Kein Präsident hat den Lebensstil des Westens so infrage gestellt wie Horst Köhler

Hans Monath

Der deutschen Debatte über Armutsbekämpfung und Klimapolitik fehlt ein geistiger Impuls: Bislang wird mehr über die Legitimität von Protesten, Klimainstrumente und Zahlen gestritten als über einen neuen Umgang des Westens mit der übrigen Welt und über unsere und andere Werte. Das könnte sich bald ändern – und ausgerechnet ein Politiker könnte daran schuld sein, den viele Globalisierungskritiker nicht als Verbündeten sehen: Bundespräsident Horst Köhler. Er arbeitet an einem eigenen Konzept für internationale Umweltpolitik und Entwicklung. Wichtige Grundgedanken hat er gerade bei seiner Reise nach Vietnam und China vorgetragen.

Es geht dem ehemaligen IWF-Chef um nichts Geringeres als die Glaubwürdigkeit des Westens, der von Schwellen- und Entwicklungsländern den Schutz der Umwelt und der Menschenrechte einfordert. Das ist ein intellektuell ehrgeizigeres Programm, als es die Bundesregierung gegenwärtig verfolgt. Wann hat jemals ein Präsident frontal die Lebensweise des Westens infrage gestellt, wie es Köhler in seiner Rede an der Tongji-Universität in Schanghai tat? Im Bewusstsein der ökologischen Herausforderung demontiert er bewusst das Bild, wonach der Westen Maßstab aller sozialen und politischen Entwicklung sei. Damit will er auch den psychologischen Widerstand aufheben, den Forderungen aus Washington, Brüssel oder Berlin bei den Adressaten zuverlässig provozieren.

Köhler kann nicht darauf setzen, dass eine Mehrheit der Deutschen ohne Weiteres seine Zumutung akzeptiert, dass gleiche Chancen im globalen Wettbewerb den Besseren und Leistungswilligeren belohnen, der womöglich nicht mehr in einer deutschen Fabrik arbeitet. Manche werden Köhlers Konzept auch als Relativierung der Werte des Westens verstehen, weil der Kampf gegen den ökologischen Kollaps den Präsidenten offenbar mehr umtreibt als der Wunsch, mit ultimativen Forderungen bei den Menschenrechten Schlagzeilen zu machen. Sein Ansatz wird deshalb noch heftige Debatten provozieren, und der rhetorisch wenig versierte Köhler wird ihn besser erklären müssen als viele seiner bisherigen Anstöße. Doch die Anstrengung könnte sich lohnen.

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