Meinung : Nichts für Besserwisser

Gegen die Anschläge im Irak haben auch Amerikas Kritiker kein Rezept

Christoph von Marschall

Der Beginn des Fastenmonats brachte in Bagdad keine Wende zum Weniger. Die militanten Gegner Amerikas missbrauchen den Ramadan, der in der Welt der Muslime eine Zeit der Einkehr, der Gebete, auch des Friedens sein soll, für eine Steigerung der Gewalt und Brutalität. Schon das zeigt, wie zweifelhaft die Behauptung ist, sie verteidigten irakische Kultur und Selbstbehauptung. Vollends unglaubwürdig wird sie durch das Ziel der jüngsten Anschläge, das Rote Kreuz.

Den Raketenangriff auf das Hotel von US-Vizeverteidigungsminister Wolfowitz vom Sonntag mochten manche noch als Attacke auf einen Kombattanten im weitesten Sinne verstehen. Bei Mordversuchen an neutralen Helfern, die nichts weiter im Sinn haben, als unschuldigen Opfern zu helfen, muss jedes Verständnis aufhören. Denn sie richten sich gegen die Grundwerte internationaler Vereinbarungen – und gegen die Interessen der einfachen Menschen im Irak.

Aber sind diese Anschläge nicht auch Beleg für die Hilflosigkeit und die Fehler der amerikanischen Besatzungspolitik? Ja, das auch. Nur, was folgt daraus? Soll die Bundesregierung jetzt die wenigen zivilen Aufbauhelfer abziehen, wie Innenminister Otto Schily es erwägt, weil niemand ihre Sicherheit gewährleisten könne? Oder täte sie damit das, was die Terrorgruppen bezwecken?

Es fällt schwer, auf solche Fragen zu antworten – schwer, weil dies eine Frage von Leben und Tod sein kann. Schwer aber auch, weil man nicht weiß, wie weit dem in Deutschland verbreiteten Bild von der Lage zu trauen ist. Wer die internationale Berichterstattung verfolgt, dem wird auffallen, welchen Unterschied es ausmacht, ob ein Land Truppen im Irak hat oder nicht. Was nicht heißt, dass britische oder polnische Medien die Sicherheitsprobleme beschönigen. Die Anschläge stehen hier wie dort im Vordergrund. Doch im Unterschied zu vielen deutschen Medien, insbesondere den elektronischen, wird auch ausführlich berichtet, was sich sonst so im Irak tut. Millionen Kinder gehen wieder in die Schule, es wird – trotz Anschlägen – inzwischen mehr Strom als vor dem Krieg produziert. Wasserleitungen und Krankenhäuser werden repariert. Die Bürger wollen zwar bald eine eigene Regierung, 70 Prozent wünschen nach einer jüngsten Umfrage aber auch, dass die Besatzungstruppen noch mehrere Monate bleiben.

Ist es eine Verharmlosung der unleugbaren Probleme, diese Bilanz den Anschlägen gegenüberzustellen? Oder ist es eher eine Verzerrung der Realität, die Attentate, die sich im Wesentlichen auf das sunnitische Dreieck zwischen Bagdad und Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit beschränken, für das maßgebliche Bild zu halten? In 80 Prozent des Territoriums geht der Aufbau weitgehend ungestört voran.

Dabei macht es einen erheblichen Unterschied aus, wohin die Entwicklung geht. Sind Anschläge auf das Rote Kreuz oder früher die UN Hinweise, dass die Besatzungstruppen nicht mal solche Objekte schützen können – oder umgekehrt darauf, dass den Attentätern nur noch solche „weichen“ Ziele bleiben, weil die machtrelevanten Objekte inzwischen zu gut geschützt sind?

Vielleicht spiegelt die deutsche Debatte ja auch – Ratlosigkeit. Viele ahnen, wie viel Amerika falsch macht. Aber wer weiß mit Sicherheit zu sagen, was richtig wäre? Türkische Truppen sind ein Problem, ganz klar. Doch wer soll statt dessen Soldaten schicken? Nur so ist auch zu erklären, dass Deutschland, der große UN-Freund, sich in Sachen Irak immer wieder im Widerspruch zu den Vereinten Nationen befindet. Vor Wochen forderte Berlin (mit Paris) die führende Rolle der UN im Nachkriegsprozess, doch Kofi Annan sagte, auf absehbare Zeit könnten die UN die entscheidenden Aufgaben nicht von Amerika übernehmen. In Madrid bat Annan jetzt alle EU-Staaten um mehr Aufbauhilfe. Rot-Grün lehnte ab, man wolle kein falsches Konzept unterstützen.

Nur, welches dann? Rasche Übergabe der Macht an Iraker – aber wäre die Ernennung durch die USA Legitimation genug? Also Wahlen – aber wen brächten die an die Macht; und würden sie bei einem Schiiten-Anteil von 60 Prozent das Land nicht eher spalten als zusammenführen?

Ein schwieriges Terrain für Besserwisser. Im Irak ist das Gegenteil des Falschen noch lange nicht das Richtige.

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